Vorwort

Eine Politik der Zukunft gestalten – das ist ein hoher Anspruch. Die HeinrichBöll-Stiftung möchte sie mitgestalten und unterstützt deshalb weltweit Vordenkerinnen und Vordenker, Pionierinnen und Pioniere sozialer und ökologischer Innovationen, die wir für die notwendige Transformation unserer zerstörerischen Wirtschaftsweise dringend brauchen.

Die Protagonisten der Commons-Debatte sind solche Pioniere. Sie engagieren sich lokal und international gegen die weitere Privatisierung und Kommerzialisierung von Natur, Wissen, öffentlichem Raum und für eine andere Form der institutionellen Organisation. Die Commons eignen sich für eine große Erzählung. Ihr Potential besteht darin, soziale Innovation als entscheidenden Hebel gesellschaftlicher Transformation zu entwickeln. Dieser Hebel ist eben nicht technologischer Fortschritt und Effizienzgewinn und auch nicht der Export gesellschaftlicher Partizipation oder demokratischer Institutionen. Bei den Commons, den Gemeingütern, geht es vor allem um die Frage, wie sie durch die Stärkung vertrauensvoller und fairer sozialer Beziehungen geschützt und weiterentwickelt werden können.

Die Heinrich-Böll-Stiftung engagiert sich seit 2007 aktiv für die Commons als Politik der Zukunft. Startschuss waren interdisziplinäre Salongespräche: »Zeit für Allmende«. Zudem entstand im Jahr 2009 – gemeinsam mit Silke Helfrich – die Anthologie Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. Ein Jahr später wurde dann mit Gemeingüter – Wohlstand durch Teilen eine allgemein verständliche Einführung in die Welt der Commons und des Commoning veröffentlicht.

Die Commons-Theorie weiterzuentwickeln, ihre politische Begründung zu verfeinern, Ansätze für eine commons-sensitive Politik auszutauschen und das internationale Netzwerk der verschiedenen Commons-Initiativen zu stärken – das sind unsere Anliegen. Auf der internationalen Konferenz »Constructing a Commons Based Policy Platform«, die wir in Kooperation mit der Commons Strategies Group im November 2010 durchgeführt haben, ist die Idee zu diesem Buch entstanden. Silke Helfrich hat den Grundstein dafür gelegt und David Bollier für die Bearbeitung der englischen Ausgabe gewonnen. Ihnen gilt mein allergrößter Dank.

Dieses Buch richtet sich mit einer Fülle von theoretischen Ansätzen, Analysen und Berichten aus der Praxis an Leserinnen und Leser, die offen sind, sich inspirieren, aber auch irritieren zu lassen, die bereit sind, aus ihren gewohnten Denkmustern und Datenverarbeitungsbahnen auszubrechen, die neugierig und – nicht nur gedanklich – experimentierfreudig sind. Es soll eine Auseinandersetzung mit dem Thema der gesellschaftlichen und persönlichen Gestaltungsoptionen für die Zukunft provozieren.
Einen endgültigen Bauplan liefert dieser Sammelband nicht. Er ist als Anthologie konzipiert, jeder Beitrag steht also auch für sich allein und reflektiert die Vielfalt der Perspektiven und Zugänge zum Thema.

Sollten Sie Zweifel hegen, ob der Umbau unserer Gesellschaft gegen den Strom überhaupt gelingen kann, dann lassen Sie mich entgegnen: In der Tat, wir wissen es nicht! Aber ohne Experimente, ohne Mut, Neues auszutesten, geht es auch nicht. Wenn die Zweiflerin und der Feigling in uns zu kapitulieren beginnen und die innere Stimme ruft: »Ich fürchte das Schlimmste«, dann muss der Optimist dagegenhalten: »Das Schlimmste fürchte ich auch, denn das Beste zu fürchten, wäre ja wohl komplette Zeitverschwendung.«
Dem Verlag transcript fühlen wir uns sehr verbunden wegen der guten Partnerschaft und der Pionierentscheidung, eine freie Lizenz zu wählen. Wissen einfach zugänglich zu machen und zu vermehren wird so Realität.

Und dieses Buch wäre ohne Silke Helfrich nie Realität geworden. Mir fehlen so manches Mal die Worte, ihren Enthusiasmus zu beschreiben, ihre Überzeugungskraft, ihren Einsatz, den Commons und der Commons-Bewegung zum politischen Durchbruch zu verhelfen.

Die Heinrich-Böll-Stiftung kann sich für die jahrelange fruchtbare Zusammenarbeit mit ihr glücklich schätzen.
Ich wünsche diesem Buch viele interessierte Menschen, die sich von den Texten dieses Bandes zum Commoning für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat mitreißen lassen.

Berlin, im Januar 2012
Barbara Unmüßig Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung