Takayoshi Kusago – Von Minamata lernen Gut leben in lokalen Gemeinschaften

Takayoshi Kusago

Japan ist in seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg den Weg der meisten Industrieländer gegangen und hat aufgrund der Annahme, dass hohe Pro-Kopf-Einkommen ein Garant für hohe Lebenszufriedenheit sind, auf hohe ökonomische Wachstumsraten gesetzt. Nach einer von der japanischen Regierung veröffentlichten Umfrage, die den Zeitraum von 1978 bis 2005 abdeckt, ist jedoch die Lebenszufriedenheit der Japaner zwischen 1984 und 2005 kontinuierlich gesunken. Zwei von drei Japanern sind mit ihrem Leben insgesamt nicht zufrieden. Dieses Ergebnis bestätigt ein erstmals von Richard Easterlin (1974) aufgezeigtes Paradox, demzufolge zwischen der Entwicklung der Lebenszufriedenheit und dem Wachstum des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts eine Lücke klafft.
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Wie Untersuchungen zum Thema Wohlergehen zeigen, gehört zu den wichtigen Bedingungen des Glücks die Möglichkeit, arbeiten und kreativ sein zu können, gute Sozialbeziehungen zu pflegen, gesund zu sein sowie allgemeines Lebenswissen. Die Schlüsselfrage zu Beginn des 21. Jahrhunderts lautet also nicht – zumindest nicht in industrialisierten Volkswirtschaften –, wie sich noch mehr Einkommen für die Menschen erzielen lässt, sondern vielmehr, wie die ökonomischen und gesellschaftlichen Systeme so verändert werden können, dass die Sozialbeziehungen gestärkt werden und so die Lebenszufriedenheit verbessert werden kann.
Wollen wir von einem Entwicklungspfad, der vor allem auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet ist, auf einen Weg wechseln, der das Wohlergehen der Menschen ins Zentrum rückt, müssen wir innovative Modelle des Zusammenlebens ausprobieren und zugleich neue Maße und Indikatoren für eine »glückliche« Gesellschaft ausarbeiten. Was in dieser Hinsicht möglich ist, zeigt der Blick auf den konkreten Fall einer Stadt auf Kyūshū, der südlichsten Hauptinsel Japans.

Minamata – vom Mahnmal zum Vorbild

Wer vor 20 Jahren die Menschen aus Minamata fragte, woher sie kamen, erfuhr den Namen ihrer Heimatstadt nicht. Er wurde gemieden.
Minamata ist eine Kleinstadt mit rund 28.000 Einwohnern in der Präfektur Kumamoto im Westen von Kyūshū. Die Modernisierung von Minamata entsprach den beiden Schlüsselzielen der noch in der Meiji-Periode von 1868 bis 1912 aufgestellten nationalen Entwicklungsstrategie »Fukoku Kyōhei«: eine wohlhabende Nation und eine starke Armee. 1908 errichtete Nippon Chisso, eines der führenden Unternehmen der aufstrebenden Chemieindustrie des Landes, eine Fabrik in Minamata. Der Bau der Fabrik weckte in den Menschen große Hoffnungen auf die Modernisierung der lokalen Wirtschaft und auf steigenden Wohlstand in der Region. Und tatsächlich war Minamata die erste Stadt auf Kyūshū, in der ein Elektrizitätsnetz errichtet wurde. Die industrielle Entwicklung bildete den Kern der japanischen Wirtschaftsstrategie, und Minamata gehörte ohne jeden Zweifel zu den Zentren dieser Entwicklung.

1932 nahm Chisso die Produktion des chemischen Düngemittels Calciumcyanamid (Kalkstickstoff) auf, das durch die Verbindung von atmosphärischem Stickstoff mit Calciumcarbid gewonnen wird. Aufgrund der geringen Nutzflächen und der kleinteiligen Struktur der Landwirtschaft war Stickstoffdünger für die Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge in Japan zu jener Zeit unerlässlich. 1941 begann Chisso zudem als erstes japanisches Unternehmen mit der Produktion von Vinylchlorid.

Mit dem Wachstum des Konzerns wuchs auch die Einwohnerzahl der Stadt kontinuierlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Unternehmen seinen Betrieb rasch wieder auf und gehörte mit zu den Motoren des Wiederaufbaus und der wirtschaftlichen Entwicklung in Japan nach dem Krieg. Doch dieser wirtschaftliche Erfolg sollte einen hohen, unvorhergesehenen Preis fordern: eine durch die industrielle Umweltverschmutzung ausgelöste schwere neurologische Krankheit, die als »Minamata-Krankheit« in die Geschichte einging. Das Leiden verursacht schwere Schädigungen des Gehirns und des zentralen Nervensystems und führt mitunter zum Tod der Erkrankten. Es wurde in Minamata offiziell 1956 erstmals diagnostiziert. Betroffen waren vor allem die Bewohner der Fischerdörfer in der Minamata-Bucht. Laut einer 2001 veröffentlichten offiziellen Statistik wurden in der Region um Minamata 2265 Erkrankte gezählt, von denen 1784 an den Folgen der Vergiftung und/oder der Krankheit starben.1

Anfangs wurde hinter dem Phänomen eine geistige Störung oder eine Art Epidemie vermutet, doch stellte man rasch fest, dass die Erkrankung nicht infektiös war. Schließlich stellte sich heraus, dass die Quecksilbereinleitung aus der Chemiefabrik Chisso in die Bucht von Minamata Auslöser der Krankheit war. Bevor das Quecksilber durch die Nahrungsmittelkette die Menschen erreichte, hatten in der Bucht von Minamata schon Fische auf der Wasseroberfläche getrieben und Katzen angefangen, sich seltsam zu verhalten und sogar ins Meer zu springen.

Die Erkrankten, deren Zahl ständig zunahm, mussten nicht nur körperlich, sondern auch psychisch schweres Leid ertragen. Da die japanische Regierung mehr als zehn Jahre brauchte, um Chisso offiziell als Verursacher der Umweltverschmutzung zu benennen, wurden die Opfer der Minamata-Krankheit von dem Konzern, den Behörden und ihren Mitmenschen fast völlig ignoriert. Das körperliche Leid wurde durch das seelische Leiden und den sozialen Abstieg verschlimmert. Ein wichtiger Grund dafür war die überragende wirtschaftliche Bedeutung von Chis-so für Minamata. Viele Einwohner der Stadt waren für ihren Lebensunterhalt auf den Konzern angewiesen und hatten deshalb Angst, das Problem offen anzugehen. Für Menschen, die mit der Minamata-Krankheit diagnostiziert wurden, wurde das Leben zur Hölle; man ging ihnen aus dem Weg, manche wurden von Familienangehörigen und früheren Freunden verbal und körperlich misshandelt. Um nicht aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden, versuchten viele Erkrankte, die körperlichen Symptome nach außen zu verbergen. Die gesellschaftliche Ausgrenzung der Menschen aus Minamata ging über die Stadtgrenzen hinaus: In den Zügen, die die Stadt passierten, schlossen die Passagiere die Fenster; Hochzeiten wurden abgesagt, wenn herauskam, dass Braut oder Bräutigam aus Minamata kamen; und die Einwohner der Stadt gewöhnten es sich an, nicht mehr zu sagen, woher sie kamen.

Selbst nachdem die Krankheit 1956 diagnostiziert wurde, hat man die Einleitung des quecksilberverseuchten Abwassers ins Meer nicht gestoppt. Stattdessen verlegte Chisso einfach das Abflussrohr an eine andere Stelle. Das setzte sich fort, bis sich die Regierung in Tokio 1968 endlich dazu durchrang, das quecksilberhaltige Abwasser aus der Chisso-Fabrik offiziell als Ursache für die Minamata-Krankheit zu benennen. Dass sie dies nun tat, war wiederum kein Zufall, hatte doch Chisso in eben diesem Jahr in der Präfektur Chiba eine neue Fabrik in Betrieb genommen, in der eine neue, auf Mineralöl basierende Technologie zum Einsatz kam. Das alte Calciumcarbid-Verfahren war damit überflüssig geworden, und somit konnte das offizielle Eingeständnis der industriellen Entwicklung des Landes keinen Schaden mehr zufügen. Die über ein Jahrzehnt währende Untätigkeit der Regierung hatte nicht nur den Menschen in Minamata enorme Kosten aufgebürdet, sondern auch den Bewohnern der Niigata-Präfektur, die unter der sogenannten »zweiten Minamata-Krankheit« litten, hier ausgelöst durch eine Fabrik des Unternehmens Showa Denko, in der mit demselben Verfahren wie bei Chisso in Minamata gearbeitet wurde.

Bürgerschaftliche Initiativen und Public-Citizen-Partnerships

Nachdem 1969 die ersten Opfer der Minamata-Krankheit Klagen gegen Chisso eingereicht hatten, folgte eine Serie von Verfahren gegen das Unternehmen. Dass manche entschädigt wurden, andere aber leer ausgingen, sorgte für viel böses Blut unter den Opfern. Die körperlichen und psychischen Kosten der Krankheit und die sozialen Verwerfungen, die sie in der Stadt verursachte, zogen sich über mehr als 40 Jahre hin. Ändern sollte sich das erst ab 1994, als Masazumi Yoshii, der bereits seit 19 Jahren im Stadtrat von Minamata saß, zum Bürgermeister gewählt wurde. Yoshii richtete die öffentliche Verwaltung neu aus, ersetzte den Top-down- durch einen Bottom-up-Ansatz und suchte das Gespräch mit den verschiedenen und untereinander zerstrittenen Opfergruppen. Parallel dazu verhandelte Yoshii mit der Regierung der Präfektur und mit der Zentralregierung in Tokio. Er wollte ein Entschädigungsabkommen für alle Opfer der Minamata-Krankheit unabhängig von der Schwere ihrer Erkrankung unter Dach und Fach bringen.

Am 1. Mai 1994 hielt Yoshii auf einer Gedenkfeier für die Opfer der Minamata-Krankheit eine historische Rede. Er entschuldigte sich bei den Opfern offiziell für die mangelnde Unterstützung der Stadtverwaltung in den letzten vier Jahrzehnten und entwarf die Vision vom gemeinsamen Aufbau eines neuen Minamata im Geiste der gegenseitigen Hilfsbereitschaft. Der Ausdruck, den Yoshii dabei benutzte, war »Moyaniaoshi« – ein zusammengesetztes Wort aus »moyai« (Boote zusammenbinden, etwas gemeinsam unternehmen) und »naoshi« (etwas reparieren, etwas nochmals tun, damit es richtig wird) – was für die Suche nach Lösungen durch Dialog und Kooperation steht. Dies seien, erklärte er, die Kernelemente für die Wiederherstellung der sozialen Beziehungen zwischen den Menschen und innerhalb der Gemeinden sowie zwischen der Umwelt und den Menschen von Minamata. Aus diesen Grundprinzipien ist hervorgegangen, was heute als die »Moyainaoshi«-Bewegung bezeichnet wird.

Werfen wir einen Blick auf die wichtigsten Maßnahmen, die die Stadt und die Menschen von Minamata seit 1994 ergriffen haben: Eine neue Vision Zwei Jahre vor Yoshiis öffentlicher Entschuldigung von 1994 erklärte die Stadtverwaltung von Minamata ihre Absicht, von der alten Fixierung auf Wachstumsraten und Produktivitätssteigerungen abzurücken und ein umweltfreundlicheres Entwicklungsmodell zu verfolgen. Als Ziel wurde die Schaffung einer ökologischen Modellstadt ausgegeben.

Ein innovativer »Umweltmeister«
Die Stadt Minamata hat ein »Umweltmeister«-Programm aufgebaut, das seit 1998 läuft. Das Programm bietet Zertifizierungen für sichere, gesunde und umweltfreundliche Produkte an. Bislang sind im Rahmen des Programms Meister-Zertifizierungen an 28 Produzenten von pestizidfreiem Reis, Tee, Gemüse, pestizidfreien Mandarinen, Orangen und anderen Lebensmitteln wie Sardinen ohne Konservierungsmittel vergeben worden. Wer als »Umweltmeister« anerkannt werden will, muss sechs Kriterien erfüllen:

  • kontinuierliche Erzeugung sicherer, umweltfreundlicher und gesunder Produkte seit mindestens fünf Jahren;
  • Erfahrung in der Herstellung solcher Produkte unter Verwendung natürlicher Materialien und unter Vermeidung chemischer Zusätze usw.;
  • fundiertes Wissen über und Erfahrung mit Verfahren zur Herstellung von Produkten, die sicher für die Umwelt und die Gesundheit sind;
  • Beteiligung an Aktivitäten im Zusammenhang mit regionalen Umweltproblemen und dem Schutz der Umwelt;
  • fundiertes Wissen über Umweltprobleme und Umweltschutz;
  • fundiertes Wissen über die mit Umweltverschmutzung einhergehenden Probleme einschließlich der Minamata-Krankheit.

Aktivitäten an der Basis

Die von der Stadtverwaltung seit 1994 verfolgte neue Richtung motivierte die Bewohner Minamatas, sich selbst für den Wiederaufbau ihrer Gemeinde zu engagieren. Ein Beispiel dafür ist die von Frauen gegründete Initiative zur Müllvermeidung, die ein von der Stadtverwaltung 1993 ins Leben gerufenes ehrgeiziges Programm zur Mülltrennung optimierte. Die Frauen suchten nach den Ursachen für das steigende Müllaufkommen und identifizierten die von vielen Geschäften verwendeten Plastikschalen als ein großes Problem. Nach einer sorgfältigen Untersuchung der Art und Weise, wie der Einzelhandel Plastikschalen und -tüten einsetzte, konnten sie die großen Einzelhandelsgeschäfte der Stadt davon überzeugen, auf Plastikschalen zu verzichten. Um die Verwendung von Einkaufstüten aus Plastik zu reduzieren, verteilte die Fraueninitiative Stofftaschen an alle Haushalte. Außerdem legten sie ein Zertifizierungsprogramm für »Ökoläden« auf, also Geschäfte, die einen sparsamen Umgang mit Ressourcen und Energie fördern, das Müllaufkommen reduzieren und sich für Recycling einsetzen. Dass das Müllauf-kommen in Minamata deutlich gesunken ist, liegt zum großen Teil an dem Einsatz dieser Frauen.

»Jimotogaku« – Nachbarschaftsstudien2

In Minamata gibt es neben Fischergemeinden auch Berggemeinden. Diese waren zwar weniger stark von der Minamata-Krankheit betroffen, sahen sich aber mit einem anderen Problem konfrontiert: dem der Urbanisierung und Abwanderung. Der überwältigende Teil der Arbeitsplätze im modernen Japan entstand in urbanen oder semiurbanen Gebieten, und so zogen viele und insbesondere junge Menschen auf der Suche nach Arbeit in die großen Städte wie Tokio, Osaka oder Fukuoka. In den Berggemeinden von Minamata, wo die Einwohnerzahlen seit Jahrzehnten zurückgingen, wurde das lange als das unausweichliche »Schicksal« ländlicher Gemeinden in Zeiten der modernen Entwicklung und Industrialisierung hingenommen.

Tetsuro Yoshimoto von der Stadtverwaltung Minamata, der schon seit langem mit dem Niedergang der traditionellen ländlichen Lebensweise in der Region haderte, hielt eine Wiederbelebung der Berggemeinden für möglich, sollte die Stadt auch im Umgang mit ihnen auf das »Moyainaoshi«-Konzept setzen. Yoshimoto wollte Minamata als ein Ganzes sehen – ein Ökosystem mit dem Minamata-Fluss im Zentrum, der aus den Berggemeinden hinunter in die Fischergemeinden fließt. Könnte man nicht, so schlug er vor, die Einstellung der Anwohner ändern, wenn man ihnen den ganzen Reichtum der lokalen Ressourcen bewusst mache, indem man Besucher von außerhalb in die Berggemeinden lockte? Zwischen 2004 und 2008 kamen über 3000 Besucher in die Berggemeinden, viele davon aus dem Ausland. Sie genossen die ländliche Umgebung und zeigten sich ebenso beeindruckt von der Landschaft wie von der Lebensweise der Einheimischen.

Viele der Besucher, die vor allem nach Minamata gekommen waren, um mehr über die Minamata-Krankheit zu erfahren, baten Ortsansässige, sie durch die Berggemeinden zu führen. Die positiven Eindrücke der Gäste und das große Interesse an ihrer Lebensweise überraschte die Bewohner sehr, waren sie bisher doch davon ausgegangen, dass man sie in der modernen Welt als hoffnungslos »rückständig« betrachtete. Durch ihre Arbeit als Fremdenführer verstanden sie nach und nach, dass sie nicht etwa »hinterher« waren, sondern im Gegenteil ein großes Potential besaßen, ihre Gemeinden in Eigenregie zu entwickeln. Die organisierten Besuche erwiesen sich als ein ebenso einfaches wie probates Mittel, die Autonomie der Menschen vor Ort durch den Austausch mit Außenstehenden sogar zu stärken.

Ermutigt von dieser Erfahrung, haben sich die Bewohner der Berggemeinde Kagemushi an den Aufbau ihres »Lebendigen Museums Kagemushi« gemacht. Frauen aus dem Ort gründeten einen Catering-Service nach dem Grundsatz der lokalen Produktion für den lokalen Konsum, und an der Grundschule von Kagemushi wurde ein Schultheaterstück über die Geschichte des Ortes verfasst und aufgeführt. Im Jahr 2005 wurde Kagemushi von der Regierung in Tokio mit dem landesweiten Best-Practice-Preis für die Wiederbelebung kleiner Gemeinden ausgezeichnet. Gegenwärtig sind vier Gemeinden in Minamata dabei, die Nachbarschaftsstudien-Methode umzusetzen.

Diese »Jimotogaku-Methode« ist in den Gemeinden von Minamata entstanden und konzentriert sich auf die vor Ort in der Natur, der Geschichte, den Gebräuchen und den Menschen selbst vorhandenen Ressourcen, und sie fördert das Interesse der Gemeindemitglieder an der Nutzung und Bewahrung dieser Ressourcen. »Statt zu fragen, was wir nicht haben, sollten wir uns überlegen, was wir haben, und damit arbeiten«, lautet ein Grundsatz der »Jimotagaku«, in der auch die Zusammenarbeit der »Menschen der Erde«, also der lokalen Bevölkerung mit den Leuten von außen, den »Menschen des Windes«, eine wichtige Rolle spielt. Eine der Faustregeln des Kurators des Lebendingen Museums in Minamata lautet denn auch: »Sagt niemals, dass dieses Dorf nichts Besonderes besitzt.« Das Ziel der »Jimotogaku« ist, den Menschen Stolz auf die Identität ihrer Gemeinde, auf ihre Traditionen und ihren Lebensstil zu vermitteln und gleichzeitig ihre Eigenständigkeit und Unabhängigkeit bei der lokalen Entwicklung zu stärken (Yoshimoto 2008).

Die Gemeinde neu beleben: von unten

Minamata, eine Stadt, deren Bewohner mit der lokalen Wirtschaft lange Zeit nur Hoffnungslosigkeit verband, hat es geschafft, ihre sozialen Bindungen und ihre Beziehung zur Natur wiederzubeleben. Strebte die Stadt früher Wohlstand durch Wachstum an und ein Entwicklungsmodell, dass auf Technologien von außen gründet, setzt sie heute auf Wiederaufbau und Wiederbelebung durch soziale In klusion, den Schutz der natürlichen Umwelt und die Stärkung des kulturellen und spirituellen Erbes. Mit »Jimotogaku«, der Methode der Nachbarschaftsstudien, und einem auf die Menschen ausgerichteten Entwicklungskonzept hat Minamata es geschafft, sich von einem Symbol für industrielle Umweltverschmutzung und einen andauernden Umweltskandal in eine ökologische Modellstadt zu verwandeln. Initiiert wurde dieser neue Entwicklungspfad von einem weitsichtigen Bürgermeister und fortgeführt von seinen engagierten Mitarbeitern in der Stadtverwaltung in enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Was in Minamata passiert ist, zeigt eindrucksvoll, wie eine Stadtverwaltung gemeinsam mit den Menschen eine verfahrene lokale Situation umkehren und nachhaltige neue Handlungsmodelle entwickeln kann.

Wer die verheerenden Schäden sieht, die ein auf Wachstum und Ressourcenplünderung basierendes Entwicklungsmodell verursacht, und wer sich mit den Machenschaften großer Konzerne und Banken befasst, kann leicht der Verzweiflung anheimfallen. Die jüngere Geschichte von Minamata aber, das einst zu den Nutznießern des »Wachstumsmodells«, dann aber zu seinen Opfern zählte, zeigt, dass selbst extrem von den Folgen dieses Modells heimgesuchte Gemeinden neu aufblühen können. Wir können, wie Minamata zeigt, unsere Gemeinden, Nachbarschaften und Lebensweisen auf eine Weise neu gestalten, die ein besser ausbalanciertes und nachhaltigeres Leben fördert.
Wenn die Bewohner der Stadt heute gefragt werden, woher sie kommen, antworten sie mit Stolz: »Aus Minamata!«

Literatur

  • Easterlin, Richard A. (1974): »Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence«, in: David/Reder (Hg.): Nations and Households in Economic Growth, New York, S. 89-125.
  • Kusago, Takayoshi (2011): »A Sustainable Well-Being Initiative: Social Divisions and the Recovery Process in Minamata, Japan«, in: Sirgy, Joseph (Hg.): Community Quality-of-Life Indicators: Best Cases V, New York, S. 97-111.
  • Yoshimoto, Tetsuro (2008): Jimotogaku wo hajimeyou (Lasst uns eine Nachbarschaftsstudie machen), Tokio.
  1. Siehe unter: http://www.env.go.jp/en/chemi/hs/minamata2002/ch2.html (Zugriff am 19.09.2011).
  2. Auch »Gemeinschaftsstudien« (Anm. der Hg.).
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