Sabine Lutz – Shared Space: Geteilter Raum ist doppelter Raum

Sabine Lutz
Straßen und Plätze bilden den Raum der Öffentlichkeit, den Raum, in dem Bürger einander begegnen. Solch eine Begegnung kann flüchtig oder intensiv sein, aber sie setzt immer die Möglichkeit des Verweilens voraus. Das aber wird schwierig oder unmöglich, wenn unsere Straßen eigentlich nur noch dem motorisierten Verkehr dienen. Das Konzept »Shared Space« entstand, um diesem einseitigen einen flexiblen und nutzungsoffenen Gebrauch gegenüberzustellen. Die Gestaltung der Straße sollte nicht eine Nutzung vorherbestimmen, sondern für viele Gebrauchs-weisen offen und adaptierbar sein. Die konkrete Nutzung wird dabei immer dem jeweiligen Kontext und den Anforderungen derer entsprechen, die sie nutzen.

Teilen statt Aufteilen

Soziale Prozesse und Strukturen finden ihren Niederschlag im öffentlichen Raum. Wir aber haben soziales Miteinander durch juristisch reglementiertes Nebeneinander ersetzt, wo Autos, Fußgänger und auch Radfahrer ihren eigenen Streifen haben und jede Nutzung (Einkaufen, Erholen, Wohnen und Arbeiten) einen eigenen Bereich. Shared Space will diese Nutzungen wieder zusammenbringen.

Straßen für Menschen

Öffentlicher Raum kennzeichnet sich dadurch, dass hier die unterschiedlichsten Interessen, Lebensauffassungen und Handlungen aufeinandertreffen können. Die Möglichkeit für Kommunikation und Achtsamkeit, das bewusste Erleben und Handeln, ist dafür essentiell. Achtsamkeit richtet sich sowohl auf die äußere Umgebung als auch auf die inneren Prozesse. Sie geht davon aus, dass wir beides sind: selbständige Individuen und verantwortliche Mitglieder eines Gemeinwesens. Als Individuen sorgen wir für Vielfalt. Als Kollektiv geben wir einander Zusammenhang und Zusammenhalt. Wo könnte das besser zum Ausdruck kommen als auf der Straße?

Innehalten

Wie funktioniert Shared Space? Erstens: Die wichtigste Voraussetzung ist die Entschleunigung des Autoverkehrs. Nur bei niedrigerem Tempo sind Kontakt und Kommunikation möglich. Entschleunigung wird nicht erzwungen, sie entsteht durch eine andere Gestaltung der Straße und hilft dem Autofahrer, seine Routine zu durchbrechen. Autofahrer sehen dann links und rechts und manchmal auch direkt vor sich verschiedene Menschen verschiedene Dinge tun. Sie erkennen, dass die Straße lebt, nicht nur in der Längsrichtung, sondern auch in der Breite. Sie halten inne, fahren langsamer und machen dadurch die Straße für Andere sicherer. Zweitens: Eine andere Gestaltung ermutigt Fußgänger und Radfahrer, die ganze Straße für sich in Anspruch zu nehmen, anstatt nur Trottoirs und Radwege. Sie können dort queren, wo es ihnen passt, nicht nur an den dafür markierten Stellen. Das setzt ein gewisses, aber kein blindes Vertrauen voraus. Auch Fußgänger und Radfahrer tragen Verantwortung für Sicherheit. Sie stellen Kontakt her, vergewissern sich, dass sie gesehen wurden, und signalisieren zugleich den Autofahrern: Du hast die Straße nicht abonniert.

Stellen Sie sich eine Landstraße vor, die mehrere Dörfer verbindet. An der Kreuzung gibt es wegen zu hoher Geschwindigkeit regelmäßig gefährliche Situationen. Der Unfallschwerpunkt macht die Straße in dem für die Naherholung vielgenutzten Gebiet zu einer unerwünschten Barriere. Durchschnittlich passieren 3- bis 4000 Motorfahrzeuge und 750 bis 1000 Radfahrer die Kreuzung. Das Beispiel stammt aus den Niederlanden, die Straße verbindet Ureterp, Siegerswoude und Bakkeveen. Es kostete die Einwohner dieser Dörfer viel Zeit, die Politik von der Machbarkeit eines Shared Space an diesem Ort zu überzeugen. Aber sie gaben nicht nach und verwandelten die einst konventionelle Kreuzung in einen Platz, der den Autofahrern die Nähe der Dörfer vermittelt, auch wenn sie von dort noch nicht sichtbar sind. Die Einwohner nennen ihn heute ihren »Dorfplatz«. Wer sich ihm nähert, sieht zunächst nicht, wie er weiterfahren kann, da die Straße auf der anderen Seite versetzt weitergeführt wird. Man muss sich neu orientieren und fährt langsamer, wodurch der Dorfplatz sicher wird. Viel Sorgfalt wurde auch auf die Möblierung und Bepflanzung verwendet. Der neue Dorfplatz bringt mehr Achtsamkeit und Begegnung. Bei schönem Wetter gibt es dort sogar einen kleinen Eisstand.

Rückgrat und Engagement

Damit gemeinsam genutzte Räume tatsächlich funktionieren, braucht es ein verkehrliches, städtebauliches und gesellschaftliches Gesamtkonzept. Keine teure, halbherzig und nur punktuell trendy gestaltete Straße, sondern eine fachübergreifende Perspektive auf Funktion, Nutzung und die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Und dies braucht Politiker mit Rückgrat, die Zusammenhänge erkennen: Eine andere Straßengestaltung führt zu anderem Fahrverhalten, dieses zu weniger Benzinverbrauch und geringerem CO2-Ausstoß.
Politiker mit Rückgrat wiederum brauchen verantwortungsvolle Bürger. Shared Space ermöglicht und erfordert eine andere Einstellung und ein anderes Verhalten. Das fällt nicht immer leicht. Bürger fordern Mitsprache und Mitentscheidung, aber wenn es unbequem oder schwierig wird, schieben wir Verantwortung gerne auf Politik, Polizei oder die Wissenschaft ab. Die Herausforderung ist, konsensorientiert und kommunikativ zu handeln, statt uns auf unser Recht zu berufen.

Shared Space steht für partnerschaftliches Miteinander, nicht nur beim Verhalten auf der Straße, sondern auch bei der Meinungsbildung zu aktuellen Fragen. Auch hier gilt es, kreativ zu sein und sich die Arbeit, die Verantwortung und den »Raum« zu teilen. Das bringt mehr Möglichkeiten der Selbst- und Mitbestimmung der Bürger. Bedingung ist, dass alle ihre Position überdenken und Verantwortung übernehmen, statt sich als Lieferanten oder Konsumenten öffentlicher Dienstleistungen zu verstehen.
Shared Space ist ein Plädoyer und eine experimentelle Praxis für solch einen gemeinsamen und kontinuierlichen Lernprozess. Es gibt viel zu tun, um den öffentlichen Raum wieder zu unserem Raum zu machen. Wir haben schon mal angefangen!

abb. 1
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