Martin Beckenkamp – Der Umgang mit sozialen Dilemmata – Institutionen und Vertrauen in den Commons

Martin Beckenkamp

Die Spieltheorie ist ein mathematisches Instrument zur Analyse sozial interdependenter Entscheidungssituationen. So kann sich etwa beim Sport ein Team für eine offensive oder eine defensive Strategie gegen das andere Team entscheiden, und in der Wirtschaft kann ein Unternehmen in den Wettbewerb mit anderen Unternehmen treten oder mit ihnen kooperieren, wie das in einem Joint Venture geschieht.

Aus spieltheoretischer Sicht sind Commons sowohl eine Chance als auch eine Gefahr, denn sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits beachtliche Möglichkeiten bieten, Win-win-Situationen herzustellen, andererseits sind diese Konstellationen extrem instabil und anfällig, weil sie den gemeinsamen Willen zur Zusammenarbeit voraussetzen. Sobald ein Mitglied versucht, seinen eigenen Nutzen zu maximieren, gerät das Gemeingut in Gefahr, und die gemeinschaftliche Wohlfahrt wird zerstört, denn der Zugewinn des Abweichlers ist geringer als der Verlust der Gemeinschaft. Aus diesem Grund bezeichnet man Commons auch als soziale Dilemmata.

Diese extreme Anfälligkeit oder Verletzbarkeit der Commons erklärt, warum Vertrauen so enorm wichtig ist. Elinor Ostrom sagt dazu in ihrer Rede zum Nobelpreis 2009: »Die jüngeren theoretischen Überlegungen über Lernprozesse und Normakzeptanz der Einzelnen können uns helfen zu verstehen wie Feedback-Mechanismen positive und negative Lernprozesse verstärken und wie Individuen mehr Vertrauen zueinander gewinnen, was letztlich zu verstärkter Kooperation und zu höheren Leistungen führt. Es geht nicht nur darum, dass Individuen Normen akzeptieren, sondern auch darum, dass aus der jeweiligen Struktur heraus genügend Informationen generiert werden über das wahrscheinliche Verhalten Anderer als glaubwürdige Gegenüber, die ihren Anteil an den Kosten zur Überwindung des Dilemmas tragen« (Ostrom 2009: 432)1. In kleinen Gruppen kann Vertrauen oft erarbeitet werden, weil die Menschen einander kennen und informelle Normen (oder Scham- und Schuldgefühle bei Normverletzung) das gemeinsame Wohl hinreichend gewährleisten. Was aber geschieht, wenn die Gruppen so groß werden, dass das persönliche Kennenlernen nicht mehr möglich ist?

Oft wird übersehen, dass Institutionen für die Bildung und Aufrechterhaltung von Vertrauen von herausragender Bedeutung sind. In der Geschichte des Handels gibt es zahlreiche Beispiele von Institutionen, die über Jahrhunderte hinweg entwickelt wurden, um von den Vorteilen des gegenseitigen Austauschs zu profitieren und Betrügereien sowie Piraterie vorzubeugen. Allerdings wurden Handelsinstitutionen vielfach auch dazu benutzt, Macht zu etablieren und auszubauen. Handel ist eine extrem anfällige Win-win-Situation, denn es bestehen sowohl auf Seiten des Käufers wie auf Seiten des Verkäufers starke Anreize, die je eigene Verpflichtung nicht zu erfüllen (d.h. Kauf- und Verkaufsbetrug). In der langen Geschichte des Handels wurden vielfältige Instrumente entwickelt, die genau das verhindern sollten, etwa durch öffentlich zugängliche Informationen zum guten Ruf der Verkäufer und Käufer (Reputationssysteme), Treuhänder, Zugum-Zug-Abwicklungen usw. Diese Entwicklungen spiegeln sich in modernen Institutionen wie eBay wie im Zeitraffer wider. In vielen Fällen moderner Commons, wie der Wikipedia oder in Open-Source-Projekten, wurden solche Institutionen jedoch nicht nur wiederholt oder wieder-erfunden, sondern auch an die speziellen Bedürfnisse angepasst, angereichert und ganz neu entwickelt.

Viele moderne Commons beginnen enthusiastisch. Jeder vertraut jedem, man nimmt sich viel vor und traut sich gegenseitig viel zu. Nach einiger Zeit und beachtlichem Wachstum gibt es dann Fälle von Kriminalität und Vandalismus, die bald nicht mehr ignoriert werden können. Commons sind gefährdet, wenn solche »Defektionen«2 und/oder Missverständnisse über vermeintliche Defektionen auftreten. Hier sind Lösungen gefragt, die einerseits schlagkräftig und glaubwürdig genug sind, um potentiellen Trittbrettfahrern und Übeltätern zu drohen, ohne Misstrauen gegenüber der ganzen Gemeinschaft zu signalisieren, die ja bereits mit beachtlichem Erfolg gemeinsam etwas geschaffen hat. Derart wohlwollende und zugleich durchsetzungsstarke Lösungen zu finden ist schwer. Daher gibt es auch viele Commons-Beispiele, die scheitern.

Elinor Ostrom entwickelte Designprinzipien, die beschreiben, unter welchen Bedingungen Commons langlebig und erfolgreich sind.

Designprinzipien für gelingendes Gemeingutmanagement

Diese Prinzipien hat Elinor Ostrom bereits 1990 in einem ihrer Hauptwerke, Governing the Commons (dt. Die Verfassung der Allmende), veröffentlicht. Sie werden seit Jahrzehnten weiterentwickelt. In ihrer Nobelpreisrede stellte sie eine von ihren Studenten Michael Cox, Gwen Arnold und Sergio Villamayor-Tomás präzisierte Fassung vor, die hier stichpunktartig wiedergegeben wird:

1. Grenzen
Es existieren klare und lokal akzeptierte Grenzen zwischen legitimen Nutzern und Nicht-Nutzungsberechtigten. Es existieren klare Grenzen zwischen einem spezifischen Gemeinressourcensystem und einem größeren sozio-ökologischen System.
2. Kongruenz
Die Regeln für die Aneignung und Reproduktion einer Ressource entsprechen den örtlichen und den kulturellen Bedingungen. Aneignungs- und Bereitstellungsregeln sind aufeinander abgestimmt; die Verteilung der Kosten unter den Nutzern ist proportional zur Verteilung des Nutzens.
3. Gemeinschaftliche Entscheidungen
Die meisten Personen, die von einem Ressourcensystem betroffen sind, können an Entscheidungen zur Bestimmung und Änderung der Nutzungsregeln teilnehmen (auch wenn viele diese Möglichkeit nicht wahrnehmen).
4. Monitoring der Nutzer und der Ressource
Es muss ausreichend Kontrolle über Ressourcen geben, um Regelverstößen vorbeugen zu können. Personen, die mit der Überwachung der Ressource und deren Aneignung betraut sind, müssen selbst Nutzer oder den Nutzern rechenschaftspflichtig sein.
5. Abgestufte Sanktionen
Verhängte Sanktionen sollen in einem vernünftigen Verhältnis zum verursachten Problem stehen. Die Bestrafung von Regelverletzungen beginnt auf niedrigem Niveau und verschärft sich, wenn Nutzer eine Regel mehrfach verletzen.
6. Konfliktlösungsmechanismen
Konfliktlösungsmechanismen müssen schnell, günstig und direkt sein. Es gibt lokale Räume für die Lösung von Konflikten zwischen Nutzern sowie zwischen Nutzern und Behörden [z.B. Mediation – S.H.].
7. Anerkennung
Es ist ein Mindestmaß staatlicher Anerkennung des Rechtes der Nutzer erforderlich, ihre eigenen Regeln zu bestimmen.
8. Eingebettete Institutionen (für große Ressourcensysteme)
Wenn eine Gemeinressource eng mit einem großen Ressourcensystem verbunden ist, sind Governancestrukturen auf mehreren Ebenen miteinander »verschachtelt« (Polyzentrische Governance) [zum Beispiel: selbstorganisierte Gruppen/Vereine A Kommunalverwaltung A regional vernetzte Institutionen A überregionale, nicht-staatliche oder staatliche Strukturen — S.H.].

Silke Helfrich nach: Elinor Ostrom 2009

Ein genauerer Blick auf die ersten sieben dieser acht Prinzipien spiegelt diese Mischung aus Gutmütigkeit und Durchsetzungskraft wider. Die Prinzipien (1) und (7) drücken die Stärkung eines Commons durch Selbstbestimmtheit und Autonomie aus, Prinzip (5) ist eine Mischung aus Durchsetzungsstärke und Wohlwollen, während die Prinzipien (2) und (3) Vertrauen (also Wohlwollen) in die Kompetenz jedes Mitglieds ausdrücken, sowohl was ihre Kenntnisse der besonderen lokalen Umstände angeht als auch ihre Problemlösungskompetenz. In gewisser Weise ist Ostroms Sicht der Self-Governance3 von Commons dialektisch, da sie sowohl die Notwendigkeit von Durchsetzungskraft und Autorität anerkennt als auch auf die Probleme von Top-down-Ansätzen oder dem Eingreifen externer Autoritäten hinweist. Dialektisch ist auch das wohlwollende Herangehen: Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Menschen willens und motiviert sind zu kooperieren, doch das ist kein Dogmatismus, sondern es wird auch berücksichtigt, dass einzelne Menschen – aus welchen Gründen auch immer – diese Grundannahme verletzen können.

Diese Betrachtungen mögen auf den ersten Blick trivial erscheinen. Doch aus ihnen ergeben sich erstaunliche Einsichten. Etwa jene, dass Vertrauen nicht nur eine Angelegenheit zwischen Personen ist. Vertrauen ist sowohl psychologisch als auch institutionell bedingt. Angemessenes und gutes institutionelles Design liefert den Rahmen, der Menschen gegenseitiges Vertrauen ermöglicht; unangemessenes institutionelles Design kann zwischenmenschliches Vertrauen erheblich stören. Die »Schnittstelle« zwischen Psychologie und institutionellem Design hat demnach herausragende Bedeutung, ähnlich wie die Schnittstellen, die die Benutzerfreundlichkeit eines Computerprogramms festlegen. Es geht also nicht nur darum, dass bestimmte Funktionen gewährleistet sind oder zur Verfügung stehen, sondern auch darum, dass sich diese Funktionalität dem Menschen leicht erschließt. In Analogie zum Softwaredesign gilt daher auch für das institutionelle Design: Institutionen können mehr oder weniger »ergonomisch«, also nutzerfreundlich sein.

Unangemessene (aber im Prinzip funktionale) Institutionen, die übertrieben Stärke und Macht demonstrieren, provozieren Reaktanz (d.h. psychologische Reaktionen auf einen potentiellen Freiheitsverlust, vgl. Brehm 1966). Unangemessene Institutionen mit einem Mangel an Stärke und Macht und übertriebenem Wohlwollen können aber zum Scheitern des Commons führen, weil Konflikte und schädigendes Verhalten eskalieren. Elinor Ostrom führt Beispiele von Gemeinden an, die mit Hinblick auf die Verteilungsregeln der erwirtschafteten Gemeingüter nicht streng genug waren und statt einer Zuteilung pro Familie eine Zuteilung pro Kopf vorsahen (Ostrom 1999). Diese Pro-Kopf-Zuteilungsregel führte in den gescheiterten Fällen zu starkem Bevölkerungswachstum, so dass die Tragfähigkeit der Gemeinressource überschritten wurde. Die Quintessenz der bisherigen Argumentation lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Kontrollen und Sanktionen sind zwingende Voraussetzung für erfolgreiche Commons.

Die interdisziplinäre Forschung zu institutionellen Arrangements zum Erhalt gemeinsam genutzter Ressourcen stellt sich die spannende Frage, wann Kontrollen und Sanktionen in der Evolution von Commons überhaupt entstehen bzw. eingeführt werden und wie die Bedingungen aussehen müssen, damit sie eingeführt werden können. Aus meiner Sicht ist neben anderen Faktoren entscheidend, dass die Nutzerinnen und Nutzer so viel systemisch-strukturelle Einsicht haben, dass sie wissen, dass gemeinsames Handeln sich lohnt (Win-win-Situation), ein Commons zugleich aber auch extrem anfällig ist gegenüber Personen, die sich auf Kosten anderer bereichern wollen. Die aktive Beteiligung an der Gestaltung der Institutionen (»Self-Governance«) beugt einer möglichen Reaktanz vor – und sie fördert Vertrauen.

Die Geschichte der Umweltprobleme zeigt, dass die Beteiligten das Potential zur Schaffung gemeinsamer Win-win-Situationen oft überhaupt nicht erkennen. Die Botschaft aus Wissenschaft und Politik »Nehmt weniger, und ihr habt mehr« scheint aus ihrer Sicht Geschwätz (das lässt sich zum Beispiel im lokalen Fischereikonflikt am Wattenmeer darstellen). Aus Sicht der einzelnen Stakeholder sprechen nämlich die objektiven Zahlen eine andere Sprache: Die Einzelnen kommen besser davon, wenn sie sich nicht um Kooperation und gemeinsame Wohlfahrt kümmern. Schlimmer noch: Dies nicht zu tun, während die anderen so weitermachen wie bisher, würde den Ruin des Nachgebenden besiegeln (wie im Fall sehr armer Fischer, die gerade noch so ihren Lebensunterhalt sichern können).

Dies führt zu einem zweiten Kernsatz: Commons können nur dann auf Dauer erfolgreich sein, wenn die Mitglieder einen substantiellen Einblick in die Win-win-Konstellation haben oder bekommen können. Der Begriff »substantiell« deutet an, dass es sich nicht um ein rein kognitives Problem handelt, sondern auch um eine Frage des Vertrauens. Das Gefühl der Relevanz für die eigene Lebenssituation und jene der Gemeinschaft, mit der man sich identifiziert, muss vorhanden sein, das Gefühl: »Das betrifft mich und uns.« Manch ein modernes Commons begann mit Enthusiasmus durch die Vorstellung, was man gemeinsam schafft und schaffen kann. Die Anfälligkeit gegenüber Fehlverhalten wurde weitgehend ignoriert. Dies war aus meiner Sicht bei Wikipedia der Fall. Zu Beginn des Projekts wurde übersehen, dass auf Dauer auch in der Wikipedia Kontrollen und Sanktionen notwendig sind. Mit dem vermehrten Aufkommen von Vandalismus und anderem schädigenden Verhalten mussten dann entsprechende institutionelle Arrangements gefunden werden. Wie überall.

Dies kann entweder dazu führen, dass Commons aufgelöst und privatisiert, oder aber, dass stabile Lösungen zum Erhalt des Commons gefunden und institutionalisiert werden, auch wenn sie zunächst der Commons-Idee zu widersprechen scheinen (etwa, dass es in der Wikipedia Eigentumsrechte bzw. Verfügungsrechte an den Bildern gibt; diese Rechte sollen aber nur verhindern, dass andere sich die allen zur Verfügung stehenden Bilder aneignen)4. Solche Regeln gewährleisten den langfristigen Erfolg. Damit kommen wir zum dritten Kernsatz: Auch moderne Commons bedienen sich institutioneller Arrangements samt Kontroll- und Sanktionsmechanismen, um ihre Idee und ihr Überleben zu sichern.

In der Laborforschung der experimentellen Psychologie, in der Politikwissenschaft und der Ökonomie versucht man, Teile der Commons-Strukturen abzubilden und Versuchspersonen einzuladen, im Rahmen solcher Strukturen Entscheidungen zu treffen. Häufig werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für ihre Entscheidungen mit Geld entlohnt (oder eben nicht), aber es gibt auch Experimente, die andere Anreize nutzen oder wo die Konsequenzen des eigenen Handelns nur vorgestellt werden sollen. Diese experimentelle Forschung bestätigt meine Argumente. Zudem zeigt sie, dass Menschen mit Einblick in Commons-Strukturen auch schon auf moderate Sanktionsdrohungen reagieren: Wo der Homo oeconomicus weiter defektieren würde, werden von den Beteiligten solcher Commons-Arrangements schon milde Sanktionen als Signal verstanden, dass man weiterhin gemeinsam das Potential des Commons nutzen und nicht ausnutzen möchte. Die Experimente zeigen deutlich, dass nicht nur Geldstrafen, sondern auch der Ausschluss aus einem Commons (»Ostrazismus«) wirksame Drohungen sind, die den Erhalt des Systems gewährleisten können. Wichtig dabei ist, dass nicht die konkrete Anwendung der Sanktionen notwendig ist, sondern dass schon die potentielle Androhung von Sanktionen wirkt, insbesondere wenn gemeinsam über die betreffenden institutionellen Arrangements entschieden wurde. Aus psychologischer Sicht entsprechen solchen Arrangements eher internalisierten als von außen verordneten Normen. In anderen Worten: Man folgt den Normen aus Überzeugung, nicht wegen des Drucks. Vertrauen ist psychologischer und institutioneller Natur. Die institutionelle Ergonomie sowie die Interaktion zwischen Menschen und ihren Institutionen sind wichtig für das Verständnis und das Design langlebiger, erfolgreicher Commons.

Literatur

  • Brehm, Jack W. (1966): Theory of Psychological Reactance, New York.
  • Ostrom, Elinor (1999): Die Verfassung der Allmende: jenseits von Staat und Markt, Tübingen.
  • Ostrom, Elinor (2009): Beyond Markets and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems, Nobelpreisrede vom 8. Dezember 2009, online unter: http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/economics/laureates/2009/ost rom-lecture.html (Zugriff am 10.01.2012).
  1. Übersetzung von Silke Helfrich.
  2. Defektion ist ein Begriff aus der Soziologie, der eine Situation bezeichnet, in der Kooperation ausgeschlagen oder offen abgelehnt wird (Anm. der Hg.).
  3. In der Commons-Debatte wird mitunter der Begriff »Selbstorganisation« verwendet, der mit »Self-Governance« nicht identisch ist (Anm. der Hg.).
  4. Näheres zu den Lizenzen, auf die der Autor hier Bezug nimmt, ist in den Beiträgen von Mike Linksvayer, Benjamin Mako Hill und Christian Siefkes nachzulesen (Anm. der Hg.).
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