Margrit Kennedy – Leben im Lebensgarten

Margrit Kennedy

In 65 Häusern einer Munitionsfabriksiedlung – die Ende der dreißiger Jahre für den Zweiten Weltkrieg gebaut wurde – ist seit 1985 eine besondere Gemeinschaft entstanden: der »Lebensgarten Steyerberg«.1 Hier, mitten in Niedersachsen, leben 100 Erwachsene und 40 Kinder. Das große Gemeinschaftsgebäude ist das kulturelle und soziale Zentrum mit Büros, der Küche und allerlei Seminarräumen, und es bildet mit dem sogenannten »Heilhaus« die materielle Grundlage für unseren Seminarbetrieb. Eines der größten »Wunder,« die ich im Lebensgarten erlebe, ist, welche Vielfalt an Fähigkeiten zutage tritt, wenn all die Spezialisten, die wir in großen Städten haben, nicht da sind und somit die Möglichkeit und Notwendigkeit besteht, ungeübte Fähigkeiten zu entwickeln. Dadurch haben wir eine völlig neue Lebensqualität und Wachstumsdimension entdeckt. Denn genau in diesem Bereich ist Wachstum auch in der Post-Wachstums-Ökonomie angesagt. Wachstum an Lebensqualität ist unendlich möglich. An einigen Beispielen möchte ich deutlich machen, was das im Lebensgarten bedeutet, welche Anforderungen es an uns stellt und wie wir damit Ressourcen sparen.

Es begann 1985 mit der Umnutzung der Häuser und des 2000 qm großen Gemeinschaftszentrums. Umnutzung statt Neubau war die Devise. Sie führte zu einer wesentlichen Verringerung an »ökologischen Rucksäcken«. Wir brauchten weniger Baumaterial, weniger Transportenergie und weniger Arbeitszeit, als für einen qualitativ gleichwertigen Neubau nötig gewesen wären. Jede und jeder brachte sich ein und konnte mit der eigenen Geschwindigkeit vorankommen. Im Gemeinschaftszentrum ist jeder Raum nach einem anderen Finanzierungsmodell erneuert worden – teils privat, teils gemeinschaftlich, teils gemischt. Dass so etwas gut funktioniert, hätte ich – bevor ich es erlebt habe – nicht geglaubt. Zur Finanzierung all unserer Vorhaben gehören neben den Mitgliedsbeiträgen, Spenden, zinsgünstigen oder zinsfreien Darlehen von Mitbewohnern und Freunden, den Einkünften aus dem Seminarbetrieb und Bankdarlehen auch unsere freiwilligen Arbeitseinsätze. Letztere werden so organisiert, dass es Spaß macht, sich zu beteiligen. Die Aufnahme von Krediten haben wir soweit wie möglich vermieden, weil unsere Einkünfte von Jahr zu Jahr schwanken.

»Lebensmittel-Distributionszentrum«, abgekürzt LeDi. Hier bekommen wir fast alles, was an biologischen Lebensmitteln oder ökologischen Produkten notwendig ist, und zwar zum Großhandelspreis, zu dem wir es beziehen. Alle Erwachsenen und die älteren Jugendlichen haben einen Schlüssel zum LeDi und können damit 24 Stunden am Tag das Benötigte entnehmen und die errechnete Summe auf ihren Abrechnungskarten von ihrer vorausbezahlten Einlage abziehen. Das spart eigene Vorratshaltung und funktioniert bereits seit mehreren Jahren.

Neben der umfangreichen praktischen Nachbarschaftshilfe in allen Lebenslagen gibt es einen »Carpool«, durch den sich mehrere Lebensgärtnerinnen und -gärtner die Autos teilen. In der »Boutique« können die Einen nicht mehr genutzte Kleider aufhängen und die Anderen diese kostenlos entnehmen. Etwa die Hälfte der Bewohner hat sich vor Ort eigene Arbeitsplätze im sozialen, im Gesundheits- oder im handwerklichen Bereich geschaffen. Der Lebensgarten ist durch die Angebote von Unterkünften im Heilhaus und in privaten Häusern gar zum zweitgrößten Beherbergungsbetrieb der Region avanciert. Er ist zudem ein Nukleus für Existenzgründungen und bietet ein sonst fast nur in Großstädten auffindbares innovatives Milieu für kooperative Zusammenschlüsse von Selbständigen. Neben Tanz, Yoga und Bewegungsangeboten sind auch die Lebensgartenkneipe – inklusive gelegentlicher Disco – und das sonntägliche Vereinscafé mit dem Kuchen unserer Biobäcker nicht zu vergessen.

Die Lebensgartenküche bietet allen eine großartige Gelegenheit, nicht selbst kochen zu müssen, sondern stattdessen in abwechslungsreicher Gesellschaft lecker und gesund zu essen. Wir haben uns für biologisch-vegetarische Ernährung entschieden, denn Fleisch- und Milchkonsum sind für einen großen Teil der Treibhausgase verantwortlich. Selbstredend kann jeder zuhause auch »sein eigenes Süppchen nach eigenem Gusto kochen«.

Noch wesentlicher als die Mehrfachnutzung von Fähigkeiten, Räumen, Autos und Geräten scheint mir unsere Erfahrung im Umgang mit Konflikten. Schließlich ist das eigentlich Erstaunliche, dass es den Lebensgarten überhaupt noch gibt. Nach allen Studien über Gemeinschaften sollten wir längst an inneren Konflikten zerbrochen sein, denn wir sind – was unsere soziale Vielfalt betrifft – ein kleiner Kosmos verschiedener religiöser, spiritueller, philosophischer Richtungen. Auch was Alter, Bildung, Einkommen, Herkunft und berufliche Erfahrungen anbelangt, sind wir alles andere als homogen. Die meisten kamen daher mit eigenen Vorstellungen, wie der Lebensgarten auszusehen oder zu funktionieren hätte. Das erzeugt immer wieder Spannungen, denn niemand ist in einer Gemeinschaft aufgewachsen oder kennt Spielregeln für ein solches soziales Miteinander. Die Regeln haben wir also selbst entwickeln müssen, und wir entwickeln sie täglich weiter, mit allen, die neu zu uns kommen. Eine Regel für den Konfliktfall ist, dass wir gegebenenfalls einen neutralen Dritten hinzuziehen, der zwischen den Konfliktparteien vermittelt. Wenn das nicht genügt, streben wir einen Mediationsprozess an.

Bisher haben wir alle wichtigen Entscheidungen im »modifizierten Konsens« getroffen. Wenn eine Person mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist, die sie oder ihn betrifft, dann muss dieses Mitglied gefragt werden, ob es damit leben kann, wenn diese Entscheidung trotzdem gefällt wird. Ist das nicht der Fall, wird die Entscheidung in den weitaus meisten Fällen nicht getroffen. Dieses Verfahren ist letztlich schneller und nachhaltiger als demokratische Abstimmungsverfahren, wie wir sie aus vielen Gruppenprozessen kennen, weil dann oft diejenigen, die überstimmt werden, auf irgendeine Art und Weise – vielleicht sogar unbewusst – die getroffene Entscheidung später zu unterlaufen versuchen.

Im Lebensgarten muss niemand irgendetwas tun, außer die Gesetze des Landes beachten und einen Beitrag von rund 30 Euro pro Monat in die Vereinskasse zahlen. Jede und jeder ist für sich selbst verantwortlich, und alle wissen, dass sie damit auch Verantwortung für die Gemeinschaft insgesamt tragen. In zahlreichen Zweckbetrieben und Gruppen wird dieses Wissen weitergegeben. Das reicht von den vegetarischen Kochkursen über die Schule für Verständigung und Mediation, das Zentrum Gewaltfreie Kommunikation Steyerberg, den Verein für Achtsamkeit und Verständigung und den Waldkindergarten bis zur lokalen »Artabana«-Gruppe, einer Patientensolidargemeinschaft, die eine selbstorganisierte Alternative zum staatlichen Krankenkassensystem bietet.2 Viele Beteiligte und Engagierte kommen von außerhalb. Auch die verschiedenen Meditationsformen führen Menschen von hier und »von draußen« zusammen. Mit der Gaia Academy bietet der Lebensgarten zudem eine Bildungseinrichtung, die Action Learning mit Permakultur3 und anderen Ansätzen zur praktischen Umsetzung unternehmerischer Ziele für eine gesunde und nachhaltige Welt verbindet.

Der Anteil an selbst produzierten Lebensmitteln, die in der Lebensgartenküche verwendet werden, wächst, seit direkt neben unserem Gelände ein Permakulturpark entsteht, in dem Obst, Gemüse und Blumen angepflanzt und geerntet werden. Letztlich bringt uns die wachsende Zahl dezentraler Strukturen mehr Autonomie, sie schont die Ressourcen und bietet gute Bedingungen für die Rückgewinnung nachhaltiger Existenzbedingungen für Mensch und Natur.

Reichtum, so ist uns deutlich geworden, besteht nicht in der Ansammlung von Geld, sondern in der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Reichtum vervielfältigt sich in den Möglichkeiten, auf einer tiefen Ebene miteinander zu kommunizieren, zu feiern, Rituale zu entwickeln oder neue Beziehungsmuster zu erproben. Wir erleben das nicht als Verzicht, sondern als ein Modell, das uns gemeinsam reicher macht. Die Natur macht es uns seit Jahrmillionen erfolgreich vor: Wirtschaft ist Vielfalt und nicht Einfalt, Kreislauf und nicht Wettlauf. Nur durchgegenseitiges Verstehen und kreative Verbindungen untereinander gedeiht eine menschliche Gesellschaft.

  1. Siehe unter: http://www.lebensgarten.de/ (Zugriff am 12.11.2011).
  2. Vergleiche den Beitrag von Beate Küppers in diesem Buch (Anm. der Hg.).
  3. Auch die Transition-Town-Bewegung ist von der Permakultur inspiriert. Vergleiche dazu die Beiträge von Gerd Wessling und Rob Hopkins in diesem Buch (Anm. der Hg.).
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