Gerd Wessling – Transition — Initiativen des Wandels

Gerd Wessling

Das hätte sich Rob Hopkins bestimmt nicht träumen lassen, als er im Jahr 2006 mit seiner Familie von Irland in die britische Kleinstadt Totnes zog und die weltweit erste Transition-Town-Initiative[| Siehe unter: http://www.transition-initiativen.de; http://www.transitionculture.org; http://www.transitionnetwork.org.] gründete. Fünf Jahre später gibt es mehr als 400 »offizielle« Transition-Initiativen in über 38 Ländern. Mehrere Tausend in vielen Städten, Gemeinden und Regionen der Welt befinden sich in Gründung. Das Tran-sition-Modell überwindet kulturelle Schranken. Es ist offen genug, um Menschen in Brasilien ebenso wie in Schweden zu begeistern und bietet genügend Gemeinsamkeiten, diese Menschen global im Denken zu verbinden. Wobei es sie zugleich ermuntert, sich in der Praxis sehr stark an die lokalen Umstände anzupassen.
Was macht das Transition-Modell so anziehend für so viele, äußerst unterschiedliche Menschen und Kulturen? Was lässt Männer, Frauen und Kinder in einer Art und Weise aktiv werden, die ihnen bisher oft fremd war? Sei es in öffentlichen Gartenprojekten, dem Wiedererlernen vergessener Kulturtechniken, in Mobilitäts- und Energie-Gruppen und anderen mehr. Die Antwort darauf findet sich vielleicht in den Wurzeln der Bewegung.

Weniger ist mehr

Die Transition-Bewegung bezeichnet sich gerne als »Kopf, Herz und Hände« der Energie- und Kulturwende. Wichtig ist ihr dabei, die Balance zwischen den drei Komponenten zu wahren, so dass keine die anderen verdrängt. In den »Kopf«Bereich fließen die wissenschaftlichen und mentalen Motivationen mit ein, die Hopkins und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter in Totnes die erste Transi- tion-Town gründen ließen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass gerade der bisherige Lebensstil in der westlichen Welt so nicht aufrechtzuerhalten sein wird.
Anstatt nun ein Weltuntergangsszenario zu propagieren, begreift die Transition-Bewegung diese negativen Entwicklungen eher als Chance – gerade für den Westen –, durch die Umstellung auf eine sanftere, ressourcenschonende und auf das Miteinander der Zivilgesellschaft bauende Lebensweise schon jetzt unsere Lebensqualität deutlich zu erhöhen. Damit geht einher, den Verzicht – wogegen Menschen aus Angst oft Widerstände entwickeln – auf viele lieb gewonnene Dinge und Gewohnheiten als Gewinn zu erkennen. Und zwar den Gewinn an:

  • Luft-, Wasser- und Bodenqualität sowie Artenvielfalt – statt weiterer Verschmutzung durch fossile Energieträger;
  • Stille – statt Lärm durch zunehmenden Verkehr;
  • guten Freundschaften, Nachbarschaften und Kontakten innerhalb der eigenen Stadt oder Region – statt zunehmender Vereinzelung und Isolierung;
  • Respekt in aller Verschiedenheit – im Gegensatz zum Gefühl der Bedrohung durch das vermeintlich Fremde.

Dieses Element ist Teil der »Herz«-Komponente der Transition-Bewegung. Interessierte gehen beispielsweise der Frage nach, welche uns inneren Mechanismen eigentlich das Wachstumsmodell der Industriegesellschaft erschaffen haben. Oder sie ergründen, wie eine Gruppe gut und konstruktiv zusammenarbeiten kann und sich gegenseitig stützt, wenn angesichts der überwältigenden »großen« Themen Verzweiflung und Machtlosigkeit aufkommen.

Im »Kopf« werden auch tiefenökologische Ansätze nach Joanna Macy reflektiert sowie die Lehren der Permakultur. Die »Permanente Agrikultur« wurde in den 1970er-Jahren während der ersten Ölkrise entwickelt und verfolgt Grundsätze, die auch jeder Transition-Initiative zugrunde liegen: beobachten und interagieren, Energie auffangen und speichern, einen Ertrag erzielen (also ernten), selbst regulierende Kreisläufe schaffen und Feedback akzeptieren, erneuerbare Ressourcen und Dienste nutzen und wertschätzen, keinen Abfall produzieren, integrieren anstatt separieren, kleine und langsame Lösungen bevorzugen, Vielfalt wertschätzen, Randzonen achten sowie auf Veränderung kreativ reagieren.

Wichtig ist, »Kopf« und »Herz« immer möglichst konkret im Handeln vor Ort zu verankern, sei es bei der Einführung von Regionalwährungen oder bei Nachbarschaftstreffen. Dabei sollte das Rad nicht neu erfunden werden. Vielmehr geht es um engen Austausch und Kooperation mit bereits existierenden Initiativen.

Enorme Resonanz auf das Transition-Modell

Die Frage, warum der Zulauf so groß ist, ist noch nicht beantwortet. Gibt es Gemeinschaftsgärten, Diskussionsgruppen oder Tauschbörsen nicht schon länger? Vermutlich hat die Resonanz damit zu tun, dass das Transition-Modell gegenüber bereits existierenden Bewegungen und politischen Strömungen ein paar frische Aspekte bietet, die auch Menschen aktiv werden lässt, die bisher eher passiv mit »grünen« Themen sympathisierten. Es ist die Vision einer besseren Zukunft, in die alle einbezogen und in der alle gebraucht werden, an dem Ort, an dem sie sind. Der Ansatz ist unideologisch und pragmatisch, und er folgt dem Motto: Es gibt genügend Talente in der Nachbarschaft!

Ein Leben mit weniger verfügbarer (fossiler) Energie ist unvermeidlich; es ist besser, dafür zu planen, als von ihm überrascht zu werden. Es ist deshalb auch das uns selbst ermächtigende Handeln, das von der Überzeugung ausgeht: »Die (lokale) Lösung ist genauso groß wie das (lokale) Problem.« Energie entsteht aus Modellen und Projekten, die »anstecken«, also begeistern und einfach zu wiederholen sind. Und all das stärkt die Resilienz1, die wir brauchen.

In der Transition-Town-Bewegung ist klar: Wir müssen selbst handeln und wir müssen jetzt handeln.
Indem Menschen sich engagieren, vermeiden sie ein Gefühl der Ohnmacht. Nicht: »Was ich als Einzelne(r) tue, bringt ja sowieso nichts«, sondern: »Was ich mit anderen tue, bewegt das Ganze.« Viele empfinden auch das Verbindende innerhalb einer Initiative als bereichernd und können gut damit leben, dass es sich bei Transition um ein großes Experiment mit ungewissem Ausgang handelt und der klaren Aussage: Niemand weiß die Lösung, weil es die Lösung schlechthin nicht gibt.

Wollte man das Transition-Modell von A bis Z durchbuchstabieren, so sind wir, was dessen Möglichkeiten angeht, gerade beim Buchstaben C angelangt. Es gibt noch viel Potential. Nutzen wir es – gemeinsam!

  1. Zum Begriff der Resilienz vgl. den Beitrag von Rob Hopkins in diesem Buch (Anm. der Hg.).
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