Gegenhuber, Haque, Pawel – Linz: Von der Stahlstadt zur Open-Commons-Region

Wie eine Kommune von einem Bekenntnis zur Allmende profitieren kann

Thomas Gegenhuber, Nauman Haque und Stefan Pawel

Linz hat die erste kommunale Initiative gestartet, um das Konzept der Commons auf digitale Artefakte anzuwenden. Die Stadt will ein dynamisches öffentliches Ökosystem schaffen, das die Verwaltung, die Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Wissenschaft, Kunst- und Kulturszene sowie Bildungseinrichtungen einbindet.

Linz ist die Landeshauptstadt von Oberösterreich. Die Stadt mit ihren circa 190.000 Einwohnern wurde lange Zeit vor allem als Industriestadt wahrgenommen. Dabei ist Linz bereits seit vielen Jahren offen für kulturelle und technologische Innovationen. Insbesondere die 1979 erstmals veranstaltete Ars Electronica machte Linz zu einer Stadt, die mit digitaler Kultur experimentiert. Die Ars Electronica ist zugleich Avantgarde-Festival, Zukunftsmuseum, Plattform für herausragende Leistungen der digitalen Kunst und ein Labor für Medienkunst, das künstlerisches Fachwissen für Forschungsprojekte zur Verfügung stellt.
Von der Idee möglichst breiter digitaler Teilhabe inspiriert, startete Linz im Jahr 2005 ein Hotspotsprojekt. 119 freie und kostenlose Wi-Fi-Hotspots wurden an öffentlichen Plätzen wie Parks, Büchereien oder Jugendzentren installiert. Dem öffentlichen Zugang zum Netz folgte wenig später der öffentliche Zugang zum Webspace in Form eines Public Space Servers, der allen Linzerinnen und Linzern ein GB Webspace zur völlig freien Nutzung überlässt.

In einem weiteren Schritt wurden die städtischen Kulturförderrichtlinien angepasst. Kreative, die Creative-Commons-Lizenzen verwenden, bekommen einen zehnprozentigen Bonus auf die zugesprochenen Förderungen. Um diese und andere Initiativen in einem lokalpolitischen Strategiekonzept zu verankern, entwickelte die Stadt, unterstützt von Mitarbeitern der örtlichen Johannes-Kepler-Universität und der Zivilgesellschaft, ein Rahmenkonzept für die erste Open-Commons-Region in Europa.

»Die Basis einer Open-Commons-Region sind die digitalen und frei zugänglichen öffentlichen Güter einer Gesellschaft. Damit sind freie und offene Software, offene (Geo-)Daten, freie Lern- und Lehrmaterialien und frei zugängliche kreative Werke im Bereich Film, Musik und Foto gemeint«, erklärte der Linzer Gemeinde rat und Mitinitiator Christian Forsterleitner. Gerald Kempinger, IT-Leiter der Stadt, ergänzte: »Wir begrüßen jede Initiative, ob von Bürgerinnen und Bürgern, von Communitys oder Unternehmen« (Glechner 2010).
Die Basis der Initiative wurde in der 2010 präsentierten Studie »Open-Commons-Region Linz« gelegt, die von der städtischen IT-Abteilung in Zusammenarbeit mit dem Informatikprofessor Gustav Pomberger erstellt wurde (Kempinger/ Pomberger 2010). In der Vergangenheit hatte man öffentliche Mittel für die Wirtschaftsentwicklung hauptsächlich für kapitalintensive Infrastrukturen wie Straßen oder Gebäude eingesetzt. In einer Wissensgesellschaft muss jedoch mindestens ebenso intensiv in sogenanntes »intellektuelles Kapital«, freie und offene Daten und Ideen investiert werden. Daher möchte die Stadt Rahmenbedingungen bieten, die das Teilen von Informationen und Wissen einfacher machen, die das Bewusstsein für die digitalen Commons schärfen und Initiativen unterstützen, die auf dem Gedanken der Open Commons aufbauen.
Die Studie empfiehlt drei konkrete Maßnahmen:

  • Erstens ist die Bedeutung von Open Commons in die Köpfe der Menschen zu tragen, indem möglichst rasch Pilotprojekte entstehen, eine Marke für die Open-Commons-Region entwickelt und gut informiert wird.
  • Zweitens sollen Open-Commons-Aktivitäten organisiert, koordiniert und gefördert werden. Dafür bedarf es einer Einrichtung zur Begleitung und Koordination des Zugangs zu den Datenbeständen der Stadtverwaltung (Kempinger/ Pomberger 2010). »Die Stadt Linz muss ihre eigenen Archive und Datenbanken öffnen. Wenn die Stadt daran scheitert, ein positives Vorbild zu sein, wird die Open-Commons-Region scheitern«, meint Leonhard Dobusch, Forscher am Institut für Management der Freien Universität Berlin.
  • Drittens soll die nationale und internationale Vernetzung sowie Zusammenarbeit mit anderen Regionen forciert werden, um die Idee der Open Commons zu verbreiten und um von anderen Städten in Europa zu lernen.

Bereits Ende 2010 wurde das von der Studie empfohlene Koordinationsbüro für die städtischen Open-Commons-Aktivitäten eingerichtet. Von diesem wurde als erstes Projekt für 2011 der Aufbau einer Open-Government-Data-Plattform vorangetrieben, das mehr Transparenz bringen soll und es Dritten ermöglicht, die öffentlichen Datenbestände einfacher und produktiver zu nutzen. Die Website startete im Oktober 2011 und stellt statistische Daten der Stadt, Wahlergebnisse, Orthofotos (geocodierte Luftbilder), Stadtpläne, Echtzeit-Fahrplandaten des öffentlichen Verkehrs und Gemeinderatsprotokolle zur Verfügung (Stadt Linz 2011).
Die zweite, ebenfalls im Jahr 2011 gestartete Initiative ist ein geobasiertes Anliegen- und Beschwerdemanagement, das »Schau.auf.Linz« heißt und auf der Idee der bekannten Plattformen SeeClickFix oder FixMyStreet basiert. Es ermöglicht den Menschen, ihre Probleme online oder per Mobilfunk zu melden und den Bearbeitungsstand ihrer Anliegen nachzuverfolgen. Die Vorgänge werden von der Verwaltung transparent und offen dargestellt.

Die ersten Schritte zur Open-Commons-Region sind getan. Dass die Richtung stimmt, zeigen die ermutigenden Reaktionen der Linzer Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und der Unternehmen. Natürlich haben manche Einrichtungen und Personen Anlaufschwierigkeiten, die Philosophie von Open Commons zu verstehen und sich damit zu identifizieren. Aber die Stadt Linz und alle anderen Akteure dieses neuen kommunal-zivilgesellschaftlichen Ökosystems wollen die Hürden gemeinsam meistern, um die Vision einer Open-Commons-Region Wirklichkeit werden zu lassen.

Literatur

  • Dobusch, Leonhard/Forsterleitner, Christian/Hiesmair, Manuela (2011): Freiheit vor Ort. Handbuch kommunale Netzpolitik, München. Volltext online unter: http://www.freienetze.at (Zugriff am 14.02.2012).
  • Glechner, Claudia (2010): »Linz Sees Open Commons Future«, in: Futurezone, 24.08.2010.
  • Interview mit Leonard Dobusch (2010).
  • Kempinger, Gerald/Pomberger, Gustav (2010): Open Commons Region Linz, online unter: http://www.linz.at/images/ko-Studie_Open_Commons_Region_Linz.pdf (Zugriff am 14.02.2012).
  • Stadt Linz (2011): Open Data Linz: http://www.data.linz.gv.at (Zugriff am 14.02. 2012).
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