Fernández, Friman – Küstennahe Commons in Chile

Kompetente Menschen, starke Institutionen, reiche Natur

Gloria L. Gallardo Fernández und Eva Friman

Vom offenen Zugang zum gemeinsamen Besitz

Als mit der Einführung der neoliberalen Wirtschaftspolitik in Chile Mitte der 1970er-Jahre die Ausfuhren der chilenischen Meeresschnecke Loco – der auf dem Markt begehrtesten Art – stark anstiegen, waren die Fischer rasch Teil des globalen Marktes geworden. Die »Anlandungen« bzw. Fangmengen der Loco (concholepas concholepas) erreichten rasch Rekordmengen, nur um bald darauf wieder stark einzubrechen – ein Zeichen für die exzessive Ausbeutung der Vorkommen. Daraufhin erließ der Staat Anfang der 1980er-Jahre eine Reihe von Schutzmaßnahmen
– saisonale Sperrungen von Fanggebieten, nationale Fangquoten und Fangverbote –, die die Fischer wirtschaftlich schwer trafen. Zehn Jahre später, 1991, wurde schließlich ein neues Fischereigesetz erlassen, mit dem ein System »gebietsbezogener Nutzungsrechte in der Fischerei« (Territorial Use Rights in Fisheries, kurz: TURFs) eingeführt wurde.

Die auf sogenannte »Bewirtschaftungszonen« aufgeteilten chilenischen TURFs sind in ein Verwaltungssystem eingebettet, in dem staatliche Regulationen und die von den Fischern selbst festgelegten Regeln zusammenkommen. Durch TURF können die Fischer ausschließliche, nicht übertragbare und erneuerbare Zugangs- und Nutzungsrechte zu bestimmten benthalen (meeresbodennahen) Ressourcen innerhalb des zugewiesenen Areals erhalten. Die Rechte werden ausschließlich an Fischervereinigungen vergeben. Mit einer Größe von 250 bis 600 Hektar liegen die Bewirtschaftungszonen in den für die Fischer reservierten ertragreichsten Fischgründen innerhalb der fünf Seemeilen breiten Küstenzone. Seit 1997 hat die Zahl der TURFs entlang der chilenischen Küste beständig zugenommen, im Jahr 2011 sind über 30.000 Fischer in Bewirtschaftungszonen zusammengeschlossen.

Die Fischer landen nahezu den gesamten zum Verzehr bestimmten Fang in Chile an, während hochwertige Arten gewöhnlich in den Export gehen. Die Fischer sind nach sogenannten »Caletas« organisiert, rund 440 kleinen Fischerhäfen, die sich auf privatem, Staats- oder Gemeindeland befinden. In einigen ländlichen Gebieten befinden sich diese Caletas in den Fischerdörfern selbst, in anderen leben die Fischer in einiger Entfernung zu den Häfen. Eine Caleta besteht normalerweise aus einem Pier und einer Bootswerft sowie Hütten oder Schuppen, in denen die Fischer übernachten, bzw. den Häusern der Fischer in ihrer Gemeinde. In vielen ländlichen Caletas gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Kanalisation und auch keine befestigten Straßen.
Seit Inkrafttreten des neuen Fischereigesetzes müssen die Fischer an festgelegten Orten fischen, die Küste abzufahren ist nicht mehr erlaubt. Das ist eine Einschränkung, die vielen Fischern gegen den Strich geht.

Von Rivalität zu kollektivem Handeln

Die Beantragung von Fischereirechten für ein Managementgebiet ist mühsam. Die Fischer müssen Mitglieder gewinnen, sich organisieren und ein Führungsgremium bestimmen. Jede Organisation muss ihre eigenen Regeln festlegen, über Sanktionen bei Nichterfüllung entscheiden, über Aufnahmegebühren, Ausstiegsregeln, Überwachungsmechanismen, die Einnahmenverteilung und die Höhe der für Verwaltungsaufwendungen und soziale Zwecke beiseite zu legenden Mittel. Das erfordert ein gewisses Maß an Organisation und Zusammenhalt. Die Regeln können von der Vollversammlung geändert werden, in der alle Mitglieder über wichtige Fragen mitbestimmen. Geleitet werden die Bewirtschaftungszonen von einem Vorstand, wobei für die Verwaltung, Überwachung und Vermarktung häufig noch spezielle Arbeitsgruppen eingesetzt werden. Die Fischer entscheiden gemeinsam darüber, wann sie zum Fang ausfahren und zu welchem Preis sie verkaufen, statt wie früher in Booten mit drei oder vier Mann Besatzung um die Ressourcen zu konkurrieren. In einem Drittel der chilenischen Fischerorganisationen (darunter auch solchen, die keine Bewirtschaftungszonen bilden) wird der Fang gemeinsam vermarktet (INE 2008/2009).

Für das chilenische Fischereiwesen ermöglichen die Managementgebiete eine bessere Planung und ein besseres Management der nationalen Fischgründe, zudem erschließen sie zusätzliche Ressourcen und gewähren Zugang zu verbesserten Fangmethoden. Die insgesamt über 600 Fischervereinigungen erlauben den Fischern auch ein selbstbewussteres Auftreten im Umgang mit staatlichen Behörden, Zwischenhändlern, Direktabnehmern wie Restaurants und Exportgesellschaften. Als selbständige handwerkliche Fischer hatten sie bislang weder Rentenansprüche, noch waren sie gegen Krankheit, Berufsunfähigkeit oder Tod versichert. Heute können sie innerhalb der Managementgebiete derartige Sozialleistungen selbst bereitstellen.

TURFs — Instrument zur Verbesserung der Einkommenssituation oder zur Sicherung der Nachhaltigkeit?

Insgesamt sind die aus den Managementgebieten erwirtschafteten Einkommen – und die anfallenden Kosten – sehr unterschiedlich, da beides in hohem Maße von der Lage (ländlich oder städtisch), der Größe und den Anfahrtswegen der Fischer zu ihren Fischgründen und Märkten abhängt. In den ersten Jahren nach Einführung des Systems war die wirtschaftliche Leistung der Bewirtschaftungszonen in der Region IV – der »Wiege« des Projekts – vergleichsweise schlecht und blieb hinter den hohen Erwartungen der Fischer zurück. Nach einer Erhebung von 2003 standen in dieser Region nur 5 der insgesamt 30 Bewirtschaftungszonen wirtschaftlich gut da, die anderen schnitten durchschnittlich oder sogar unterdurchschnittlich ab (Zuñiga et al. 2008). Die Bewirtschaftungszonen allein bieten den Fischern also kein ausreichendes Einkommen, ergänzen aber ihren Lebensunterhalt.

Seit 1998 dürfen Locos (die wirtschaftlich wichtigste Spezies) nur noch innerhalb von Bewirtschaftungszonen geerntet werden; in den Open-Access-Zonen, die daneben bestehen und für alle in der Region registrierten Fischer offen sind, ist die Entnahme der Meeresschnecken gesetzlich verboten. Doch sowohl in den Bewirtschaftungszonen organisierte Fischer wie auch nicht organisierte Fischer umgehen die Regeln, um ihr Einkommen zu verbessern. Tatsächlich erwirtschaften sie rund die Hälfte ihres Einkommens mit den Locos aus den Open-Access-Zonen (Orsenanz et al. 2005).
Dennoch tragen nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern und Behörden die TURFs zum Schutz der Fischbestände in den Managementgebieten bei, während sie in den Open-Access-Zonen zurückgehen (San Martin et al. 2010), obwohl beide miteinander ökologisch verbunden sind. Wie die Forschung zeigt, geht Nachhaltigkeit kurzfristig nicht notwendigerweise mit Rentabilität einher; schlechtere wirtschaftliche Resultate können vielmehr als Indikator für langfristige Fortschritte auf dem Weg zur Nachhaltigkeit gelten. Wenn allerdings eine Bewirtschaftungszone wirtschaftlich unbefriedigende Resultate erzielt, »fördert das noch weiter den Einsatz rücksichtsloser und destruktiver Fischfangmethoden«, die das Ökosystem bedrohen (Qashu 1999: 9). Die Notwendigkeit, einen ausreichenden Lebensunterhalt zu erwirtschaften, kann das Interesse am Ressourcenschutz in den Hintergrund drängen, wenn die wirtschaftlichen Erträge aus dem Managementgebiet die mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Kosten und Mühen nicht decken und der Nutzen aus der gemeinsamen Bewirtschaftung der Gebiete geringer ist als außerhalb davon (Gallardo und Fridman 2011).

Mit anderen Worten, gute wirtschaftliche Erträge und Lagevorteile sind Voraussetzungen dafür, dass die Bewirtschaftungszonen gut funktionieren. Zwei weitere Bedingungen: erstens Ressourcenfülle (was die Nutzung mehrerer Spezies ermöglicht) und zweitens eine ausreichende Nachfrage auf den nationalen und/oder internationalen Märkten. Zugleich deutet vieles darauf hin, dass der Faktor Mensch
– also die Führungs- und institutionellen Kapazitäten sowie die Fähigkeit der Fischer, flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren – der entscheidende Faktor sowohl für die Wirtschaftsleistung (höhere Einkommen, bessere Einkommensstabilität und höheres Pro-Kopf-Vermögen) wie für die institutionelle Stabilität ist (eine gut funktionierende Organisation, rege Teilnahme an den Entscheidungsprozessen, Einhaltung der selbstbestimmten Regeln, wenige Trittbrettfahrer, Vertrauen, Zusammenhalt, Selbstermächtigung, Sozialleistungen). Sind diese Voraussetzungen erfüllt, können sich die Fischervereinigungen besser auf neue Herausforderungen einstellen und ihre Aktivitäten stärker diversifizieren, was wiederum ihre wirtschaftliche Position stärkt, sie weniger verwundbar gegenüber globalen ökonomischen Schwankungen macht und den Druck auf das Ökosystem verringert.

Auch 15 Jahre nach ihrer Einführung lassen die wirtschaftlichen wie institutionellen Leistungen vieler Managementgebiete immer noch zu wünschen übrig (Gallardo/Friman 2011). Von den fünf Gebieten, die 2003 die besten Leistungen in den Regionen III und IV erbrachten, schnitt Peñuelas mit einem globalen Indikatorwert von 0,698 (auf einer Skala von 0 bis 1)1 und einem Pro-Kopf-Einkommen von 1.101.236 Pesos (1829 US-$) am besten ab. Punta de Choros dagegen brachte es im selben Jahr trotz eines fast dreimal so hohen Pro-Kopf-Einkommens (3.122.1933 Pesos bzw. 5188 US-$) nur auf einen Wert von 0,32 (Zuñiga et al. 2008). Heute geht es laut neuesten Statistiken beiden Gebieten gut, und die Bestände in ihren Fanggebieten sind sehr stabil. Im Vergleich zu 2003 hat sich also in Punta de Choros die Situation deutlich verbessert.

Peñuelas — zum Beispiel

Werfen wir einen genaueren Blick auf die urbane Bewirtschaftungszone Peñuelas. Es umfasst eine Fläche von 288 Hektar und hat 197 männliche Mitglieder, darunter zehn Fischer im Ruhestand, die bei der Aufteilung der Einkommen berücksichtigt werden. In acht Metern Tiefe ernten die Taucher die Muschel Macha chilenas, die wichtigste Spezies.
Die Fischervereinigung Peñuelas wird von einem alle zwei Jahre gewählten Vorstand geleitet, der für die Belange der Vereinigung zuständig ist und mehrere Kommissionen für spezifische Aufgaben eingerichtet hat.
Die Caleta liegt im Süden der Bucht von Coquimbo in der Stadt La Serena, einem bei der chilenischen Mittel- und Oberschicht beliebten Sommerurlaubsziel mit 200.000 Einwohnern. Sie liegt an einem Strand, hat aber kein Kai und auch keinen Kran, um die kleinen, hölzernen Fischerboote mit Außenbordmotor aus dem Wasser zu hieven. Die Fischer müssen daher die Boote vor jeder Ausfahrt mühevoll ins Meer schieben und anschließend mit dem Fang wieder an Land ziehen. Das imposante Caleta-Gebäude am Strand wurde mit staatlicher Unterstützung gebaut und kostete die Genossenschaft selbst nur recht wenig. Wegen der Nähe zur Stadt haben die Fischer guten Marktzugang, zudem sind ihre Häuser an das öffentliche Strom-, Wasser- und Kanalisationsnetz angeschlossen; allerdings ist die Wasserqualität durch die städtischen Abwässer beeinträchtigt. Die meisten Fischer leben mit ihren Familien gegenüber der Caleta auf der anderen Seite der Küstenstraße. Ihre Häuser nehmen sich im Vergleich zu den schicken Ferienanlagen in der Gegend bescheiden aus. Weil die Familien so eng beieinander leben, können sie im Notfall füreinander sorgen. Um ein Zusatzeinkommen zu erwirtschaften, vermieten mehrere Fischer während der zwei- bis dreimonatigen Touristensaison ihre Vorderhäuser, andere betreiben in ihren Häusern kleine Restaurants.

Entgegen einer Empfehlung von 1994, pro Boot maximal 175 Kilo Machas zu ernten, landen die Fischer mehr Muscheln an. Der dadurch ausgelöste Rückgang der Bestände verschärfte sich mit den schweren Regenfällen von 1997, und die Muschelbänke kollabierten. Auf Druck der Zwischenhändler sowie angelockt von den Verdienstmöglichkeiten machten sich viele Fischer mit ihren Booten auf nach Südchile, um eine Zeitlang dort zu fischen – vor der Implementierung des TURF-Systems war das üblich (ESBA 2000). Heute ernten die Peñuelas-Fischer nur noch an drei Tagen pro Woche Machas. Es ist eine selbstauferlegte Beschränkung zum Schutz der Bestände. »Wir sind diejenigen, die für die Ressource verantwortlich sind«, erklärt Guzmann, der Expräsident der Fischervereinigung (Interview vom 24.11.2008). Die tägliche Macha-Quote wird nach den eingegangenen Bestellungen festgelegt und auf die Fischer nach einem Quotensystem je nach Arbeitsaufwand verteilt. Werden alle Fischer benötigt, fahren alle hinaus; ist die Nachfrage gering, fahren nur ein paar. Die Fischer entscheiden mit ihrer Mannschaft, ob sie selbst ausfahren oder ob ein anderes Boot ihre Quote übernimmt; manchmal fahren auch zwei Mannschaften gemeinsam auf einem Boot. Am nächsten Tag fahren die beiden Mannschaften mit dem anderen Boot. Das spart Treibstoff und Arbeit. Während die Taucher ihre Anzüge anlegen, bereiten die anderen die Boote vor und ziehen sie in Gruppen ins Wasser. Sogar die Hunde schnappen sich das Seil und helfen mit. Tagsüber bewachen ältere Fischer die Caleta, nachts ein bezahlter Wachmann.
Zwischen 2002 und 2008 betrug das durchschnittliche Monatseinkommen der Peñuelas-Fischer aus der Macha-Ernte 300.000 Pesos (ca. 370 Euro), ergänzt durch Einnahmen aus dem Fischfang außerhalb der Bewirtschaftungszonen in Höhe von 250.000 Pesos (circa 315 Euro). Daraus ergibt sich ein Monatsverdienst, der deutlich über dem regionalen Durchschnitt für Fischer von 331.545 Pesos liegt (INE 2010).
Die Peñuelas-Bewirtschaftungszone funktioniert auch institutionell gut. Die Mitglieder sind großzügig gegenüber anderen Fischervereinigungen (sie teilen ihre Ressourcen mit drei anderen Fischervereinigungen) und verfügen über ein gut ausgebildetes internes Wohlfahrtssystem, durch das die Fischerfamilien sowie die Gemeinde insgesamt unterstützt werden. Es gibt Unterstützung für Ältere, Witwen und vaterlose Kinder, soziale Aktivitäten (eine lokale Schule, Frauenfußball, ein Sportverein für Kinder), die Kosten für den Arzt und besondere Anlässe (Schulausstattung für Kinder, Unabhängigkeitstag und Weihnachten) werden übernommen.
Die innovative Art der Peñuelas-Bewirtschaftungszone, den Fang und die Vermarktung zu organisieren und die gemeinschaftlich getragene Verantwortung, haben beträchtliche Aufmerksamkeit erregt und den Fischern wiederholt Einladungen zu Vorträgen in Südchile und Peru eingebracht.

Punta de Choros

Die Fischervereinigung von Punta de Choros in der Gemeinde La Higuera hat zwei Bewirtschaftungszonen: Punta de Choros und Isla Choros mit einer Gesamtfläche von 1000 Hektar, 160 männlichen Mitgliedern und 83 Fischerbooten mit Außenbordmotor. Die Boote befinden sich in Privatbesitz. Beide Caletas der Fischervereinigung sind ländlich geprägt, aber sie verfügen über eine gute Infrastruktur mit kleinem Kai, Strom und fließendem Wasser (sie sind allerdings nicht an die Kanalisation angeschlossen). Im Jahr 2010 wurden im Rahmen der Tourismusförderung in beiden Caletas Restaurants eröffnet und Unterkünfte für Feriengäste eingerichtet. Wie in Peñuelas wird die Vereinigung von einem Vorstand geleitet, der Betrieb von mehreren Arbeitsgruppen geführt. Das Wohlfahrtssystem ist ebenfalls gut ausgebaut und umfasst neben einer Bank und einem Kreditverein Unterstützungen für Beerdigungen, für Witwen oder Lebensgefährten der Mitglieder. Im Falle von berufsbedingten Krankheiten und Verletzungen werden die Kosten übernommen. Das gilt auch für Arzneimittelrezepte und Zahnbehandlungen sowie eine Reihe von Sport- und Freizeitangeboten.

Die wichtigste Spezies in den beiden Bewirtschaftungszonen ist die Meeresschnecke »Loco«, die von Tauchern in Wassertiefen von bis zu 25 Metern geerntet wird. Aufgrund der guten Erfolge beim Loco-Management – so viel Loco wie in Punta de Choros wird fast nirgendwo sonst in Chile angelandet – haben die Fischer von Punta de Choros inzwischen begonnen, auch »Lapas« (Napfschnecken), Seeigel und Muscheln zu ernten. Sie haben zudem ihre Aktivitäten diversifiziert, indem sie eine kleine Austern-Aquakultur für die lokale Gastronomie angelegt haben und in den lokalen Ökotourismus eingestiegen sind.Dazu hat die Vereinigung 30 Glasfaserboote mit Benzinmotor für den Tourismus angeschafft, auf denen in der Hochsaison bis zu 25.000 Feriengäste mitfahren (Interview Avilez 24.11.2008). Dank dieser starken wirtschaftlichen Grundlage konnte die Fischervereinigung mit staatlicher Unterstützung eine eigene Fabrik für die Weiterarbeitung des Fangs erwerben. In der unlängst als Genossenschaft in Betrieb genommenen Fabrik sind 17 Fischer aus Coquimbo mit der professionellen Weiterverarbeitung beschäftigt, und weiteren acht einheimischen Frauen wird von den Fischern beigebracht, wie sie zum Beispiel mit Austern umgehen können, ohne diese zu verletzen. Auf längere Sicht soll die Fabrik den Familienmitgliedern der Fischer Arbeit bieten und zusätzliche Arbeitsplätze für die Gemeinde schaffen.

Der Vorsitzende der Fischervereinigung Avilez sieht den Grund für den wirtschaftlichen Erfolg der Bewirtschaftungszonen in der Disziplin der Fischer beim Schutz des Gleichgewichts des Ökosystems. »Wir sind der Ansicht, dass unsere Bestände nachhaltig sind«, sagte er (Interview Avilez 19.08.2011). Sorgen bereitet ihm, dass es der Vereinigung an ausreichend Leuten fehlt, die bereit sind, Führungsverantwortung zu übernehmen. Ein Grund dafür sei die Angst der Leute, die Erwartungen nicht erfüllen zu können.
Den Fischern in Punta de Choros geht es gut. Von den 160 Mitgliedern haben 100 ein Auto und 70 Prozent ein eigenes Haus (etliche sogar mehrere). »Das zeigt, wie gut es uns wirtschaftlich geht«, sagt Avilez, der zugleich Vizepräsident des regionalen Fischerverbandes und einer der sechs gewählten Beiräte des Bürgermeisters von La Higuera ist. Avilez’ Aufstieg ins örtliche Establishment war mit dafür verantwortlich, dass die beiden Caletas ans Stromnetz angeschlossen und mit modernen Gerätschaften ausgerüstet wurden. Die Gemeinde La Higuera hat darüber hinaus staatliche Mittel für den Ausbau der Infrastruktur, neue Ausrüstungen sowie Forschung und Entwicklung erhalten, mehr als jede der anderen sechs Kommunen in der Region (Sernapesca 2008).
Im Zeitraum von 2000 bis 2007 betrug das monatliche Durchschnittseinkommen aus der Locos-und Lapas-Ernte eines Fischers der Bewirtschaftungszonen in Punta de Choros bei einer mittleren Fangmenge von 320.000 Einheiten 157.500 Pesos (circa 200 Euro). Rechnet man die Einnahmen aus dem Fang von Seeigeln und Muscheln sowie dem Tourismus hinzu, belief sich das durchschnittliche Monatseinkommen dieser Fischer auf 777.100 Pesos (circa 950 Euro) und lag damit sogar über dem der Peñuelas-Fischer. Betrachtet man nur die Loco-Ernte, so lag diese 2008 bei 740.000 Einheiten und erreichte in der Saison 2010/2011 eine Spitze von 1.270.000 Einheiten.

Institutionen für Umweltschutz und Einkommenssicherung — eine Aufwärtsspirale

Für die Fischer hat der Übergang von Open Access zu geregelten Nutzungsrechten, der auch ein Übergang von Individualismus und Rivalität zu einer organisierten und partizipativen Gemeinschaft ist, zahlreiche Vorteile mit sich gebracht. Das TURF-System hat die Fischer und ihre Position auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene gestärkt. Sie haben nicht nur ihre wirtschaftliche Basis stabilisiert, sondern stehen auch in regelmäßigem Kontakt mit Wissenschaftlern, Behörden und internationalen Akteuren – für sie eine völlig neue Erfahrung. In den wirtschaftlich erfolgreichen Managementgebieten gründen sie zudem neue Unternehmen und bringen so zusätzliche Investitionen in ihre Dörfer oder Gemeinden.
Bewirtschaftungszonen wie Peñuelas sind nicht nur wirtschaftlich und institutionell erfolgreich, sondern allem Anschein nach auch beim Artenschutz. Internationale Partner loben das Management und sehen darin ein Vorbild für die Nutzung bedrohter küstennaher Ressourcen.

Offenkundig gibt es einen starken Zusammenhang zwischen Ressourcenfülle, wirtschaftlichem Erfolg und institutioneller Leistungsfähigkeit. Daraus ergibt sich ein andauernder und sich ständig wiederholender Prozess der ökonomischen Diversifizierung, der Selbstermächtigung und des Umweltschutzes. Peñuelas zum Beispiel zeigt, welch positive Veränderungen kollektives Handeln ermöglichen kann. Der Fall belegt, dass zunächst vor allem der Faktor Mensch – also die Führungsfähigkeiten und institutionellen Kapazitäten der Fischer selbst – über den Erfolg der Bewirtschaftungszonen entscheidet. Das gibt auch für jene Gebiete Hoffnung, deren Bilanz (noch) schlecht ausfällt. Auch der Staat spielt eine wichtige Rolle, wenn es um Vertrauen, den Aufbau institutioneller Kapazitäten und insbesondere die Unterstützung der weniger erfolgreichen Gebiete geht, damit schließlich ein Prozess in Gang kommt, in dem sich die Organisationen der verschiedenen Bewirtschaftungszonen gegenseitig stärken.

Dieser Beitrag basiert auf Gallardo/Friman 2011. Die Daten wurden im Rahmen der Feldforschung in den Jahren 2008 und 2011 sowie durch E-Mail- und Telefonkontakte erhoben.

Literatur

  • Gallardo, Gloria L./Friman, Eva (2011): »New Marine Commons Along the Chilean Coast. The Management Areas (MAs) of Peñuelas and Chigualoco«, in: International Journal of the Commons, 5(2).
  • INE (2010): Censo Nacional Pesca y Acuacultura, online unter: http://www.ine.cl LGPA (1991): Ley General de Pesca y Acuicultura, Nr. 18.892.
  • Orensanz, J.M. (Lobo)/Parma, Ana M. et al. (2005): »What are the Key Elements for the Sustainability of S-Fisheries? Insights from South America«, in: Bulletin of Marine Science 76(2), S. 527-556.
  • Qashu, S. (1999): Analysis of Marine Resource Conflicts in Two North Central Chilean Fishing Villages. Diplomarbeit, eingereicht an der Oregon State University
  • San Martín, Gustavo/Parma, Ana M./Orensanz, J.M. (Lobo) (2010): »The Chilean Experience with Territorial Use Rights in Fisheries«, in: Grafton, R.Q./Hilborn, R. et al. (Hg.): Handbook of Marine Fisheries Conservation and Management, Oxford.
  • Sernapesca (2008): Informe Pesquero Artesanal, Servicio Nacional de Pesca, Región de Coquimbo, Santiago de Chile.
  • Sernapesca (2009): Anuario estadístico de pesca, Santiago de Chile.
  • Subpesca/Montoya, M. (2007): Subpesca: Diagnóstico Económico de la Pesquería del Recurso Loco (2003-2006).
  • Zuñiga, Sergio/Ramirez, Pamela/Valdevenito, Marcelo (2008): »Situación socioeconómica de las áreas de manejo en la región de Coquimbo, Chile«, in: Latin American Journal of Aquatic Reseach, 36:1.

Interviews

  • Avilez, O.: 24.11.2008; 19.08.2011.
  • Dubó, A.: 24.11.2008.
  • Guzmán, P.: 24.11.2008.
  • Subpesca/Montoya, M.: 26.08.2011.
  1. Gemessen werden unter anderem die institutionelle Performance sowie soziale und wirtschaftliche Aspekte. Die Skala wurde von Lambert und Bloom entwickelt, siehe Zuñiga et al. 2008
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