Ein Gepräch – Commons: Quelle der Fülle?

Ein Gespräch zwischen Roberto Verzola, Brian Davey, Wolfgang Höschele und Silke Helfrich
Eine der inspirierendsten Debatten während der Internationalen Commons-Konferenz in Berlin im November 2010 stand unter der Überschrift »Die re-produktive Logik der Commons«. Gibt es in den Commons Fülle oder Überfluss? Auch und obwohl sie auf natürlichen Ressourcen beruhen? Oder läuft dieser Gedanke letztlich darauf hinaus, natürliche Grenzen zu ignorieren? Die in Berlin begonnene Diskussion wird hier fortgeführt. Zusätzliche Informationen finden sich auf http://p2pfoundation.net/Abundance_of_Food_vs_the_Abundance_of_Recipes (Zugriff am 06.02.2012).

Silke Helfrich: Roberto, wenn Du über »Fülle in den Commons« redest, was meinst Du damit?

Roberto Verzola: Dreierlei: die Fülle an Wissen und Information, die dank neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) frei oder kostengünstig verfügbar ist; der Überfluss in biologischen Systemen, der sich trotz Missbrauch und unangemessener Nutzung immer wieder aufs Neue herstellt; und die materielle Fülle, die dann möglich wird, wenn wir ganz bewusst geschlossene Produktionskreisläufe gestalten, die auf erneuerbaren Energien beruhen.
Stellen wir uns eine Flasche vor. Wir können Wasser, Nahrungsmittel, Sauerstoff und vieles andere darin abfüllen, um es zu verkaufen. Wenn der Flascheninhalt dann verbraucht ist, ist er weg. Aber eine Flasche voller Ideen wird sich niemals aufbrauchen, so viel wir diese Ideen auch nutzen. Wenn wir unsere Ideen teilen, haben wir am Ende mehr als zuvor. Das ist die Informationsfülle. Dank neuer IKT können wir heute einfacher auf den globalen Wissensvorrat zugreifen, wir können mehr Wissen suchen und teilen als je zuvor.
Stellen wir uns nun die DNA vor. Auch sie wurde von der Natur gewissermaßen »abgefüllt«: in Gene, Zellen, Organismen und Arten, und sie hat jeden lebenden Organismus mit dem intrinsischen Antrieb ausgestattet, seine Art zu reproduzieren. Das ist die biologische Fülle. Und stellen wir uns schließlich eine Fabrik vor: Wenn es keinen entsprechenden Rahmen gibt, wird dort nur wenig oder gar nichts produziert. Aber sobald eine gewisse Ordnung da ist, werden jede Menge Güter hergestellt. Das ist organisierte Fülle.

Helfrich: Die »biologische Fülle« erinnert mich an Andreas Weber, ein Autor dieses Buches. In seinem Beitrag schreibt er: »Die Natur als Ganze ist das Paradigma eines Haushaltes der Gemeingüter. Nichts ist in ihr Monopol, alles ist Open Source.«

Verzola: Nun, die Fülle in der Natur ist kaum zu übersehen: Bakterien können ihre Anzahl in einer halben Stunde verdoppeln; einige Pflanzen produzieren täglich eine Million Pollen; Fische können in einer Laichsaison bis zu zehn Millionen Eier ablegen; aus einem Reiskorn können 1000 Körner entstehen. In Meeren, Riffen, Seen, Mooren, Wiesen, Wäldern und anderen Ökosystemen gedeiht das Leben im Überfluss. Das Handeln der Menschen und der Unternehmen kann diese Ökosysteme zerstören; aber sobald sie sich selbst überlassen bleiben, setzt sich das Prinzip der Fülle wieder durch. Natürlich wächst Natur nicht grenzenlos, aber sie hat keine zeitlichen Grenzen. Arten bilden ausbalancierte Ökosysteme, die uns ununterbrochen mit Boden, frischer Luft und frischem Wasser, mit Nahrungsmitteln, Rohstoffen für Kleidung und Wohnraum, mit Arzneimitteln, Energie und anderen Gütern und Dienstleistungen versorgen. Selbstredend geht es in der Natur nicht nur um gegenseitige Abhängigkeitsbeziehungen. Die Natur braucht auch Grenzen und Barrieren, um sich selbst gegenüber einem »Außen« zu schützen. So können zum Beispiel im Wasser lebende Arten ihre Eier und Spermien ins gleiche Wasser ablegen, aber eine Spermie kann nur ein Ei ihrer eigenen Art befruchten. Genetisch sind Arten praktisch autark.

Brian Davey: Als ökologischer Ökonom finde ich diese Gedanken etwas verstörend. Natürlich hat die Informationsfülle, die Wissensallmende viel zu bieten. Ideen unbeeinträchtigt von Eigentumsrechten zu teilen kann hilfreich sein, die geistige Leistung hat ja einen großen Anteil an der Herstellung eines Sessels oder eines Autos. Auch Energie gemeinsam zu nutzen und Produktionsanlagen oder -infrastrukturen zusammenzulegen ist sinnvoll. Aber die Botschaft der »Fülle« neigt letztlich dazu, den Unterschied zwischen der Informationsfülle und der Fülle an Materiellem zu vernachlässigen, wir brauchen aber immer Energie und Rohstoffe, um etwas herzustellen. Auch die digitalen Commons beruhen auf einer energieverschlingenden Infrastruktur aus Computern, Stromversorgung usw. Selbst wenn nun wohlmeinende Designer sich in Open-Source-Designprozessen engagieren und versuchen, den Energieverbrauch sowie den Materialdurchsatz bei der Erhaltung der Internet-Infrastruktur zu reduzieren – die digitalen Commons sind nicht bar einer materiellen Basis. Es kann also zugleich einen Überfluss an Rezepten und eine Knappheit an Nahrungsmitteln geben.
Man braucht allein 1800 kWh Strom, um einen Personal Computer herzustellen. Erst dann kommt er zum Einsatz. Meiner Ansicht nach kann die Kreativität, die durch die Wissensallmende freigesetzt wird, nicht aus sich selbst heraus die Grenzen des Wachstums aufheben. Deshalb hat die Informationsfülle, so hilfreich sie auch ist, nur ein begrenztes Potential, den Produktionsrückgang an materiellen Gütern abzufangen, der vermutlich durch die abnehmende Energieversorgung eintritt. Ich glaube, der Begriff der Fülle neigt dazu, sich hinwegzuwünschen, dass der Planet Erde einfach eine begrenzte ökologische Tragfähigkeit hat.

Verzola: Aber wer die Bedeutung des Internets kleinredet, weil es nur Rezepte und kein Essen bereitstellt, übersieht doch seinen größten Nutzen, nämlich dass wir jetzt – weltweit – derartig vielen Informationen nachgehen können und dass wir derartig viel Wissen zur Verfügung haben und teilen können wie noch nie. Wie das Sprichwort schon sagt: »Gib einem Armen einen Fisch, und er hat einen Tag zu essen; lehre ihn angeln, und er wird alle Tage satt.« Im Internet suchen wir nicht nach Nahrung, sondern nach nachhaltigen Wegen, Nahrungsmittel anzubauen, ein Dach über den Kopf zu bekommen und unsere Gemeinschaften wiederzubeleben.
Natürlich ist die Fülle an mineralischen Rohstoffen der Erde nicht erneuerbar, und mit Peak Oil neigt sich auch die Ära billiger fossiler Treibstoffe ihrem Ende zu. Aber wenn es uns gelingt, die Produktion in geschlossenen Kreisläufen zu organisieren, dann gibt es einen Ausweg. Nehmen wir das Beispiel Permakultur: Sie gestaltet Anbauflächen so, dass ertragreiche Ökosysteme, wie etwa ein Wald, nachgebildet werden und so ein sich selbst regenerierender Wald aus Nutzpflanzen entsteht. In der Industrie ist Recycling ein erster Schritt in diese Richtung. Aber der Lebenszyklus jedes Produktes muss neu überdacht werden, damit wir uns einer wirklich abfallfreien Produktion annähern. Wir müssen eher den Umlauf verbessern als Dinge horten und dann den Bestand aufbrauchen. Wenn durch die richtige Kombination von Produktionselementen, Funktionen und Prozessen jedes Nebenprodukt für einen anderen Produktionsprozess verwendet wird und all das durch erneuerbare Energie angetrieben wird, dann kommen wir zu organisierter Fülle als Gestaltungsprinzip. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg.
Ich denke, dass der Gesamtenergieverbrauch sinkt und nicht steigt, wenn wir uns auf die oben genannten drei Arten der Fülle konzentrieren. Natürlich ist die Energieeffizienz der neuen IKT verbesserungsfähig. Aber wir dürfen nicht nur auf den absoluten Energieverbrauch schauen, sondern müssen berücksichtigen, dass IKT auch einen Teil des wesentlich höheren Energieverbrauchs ersetzt, der derzeit durch Transport, Produktion und schmutzige Technologien verursacht wird.

Wolfgang Höschele: Und da wäre noch zu ergänzen, dass es auch um die einfachen Nutzungsmöglichkeiten erneuerbarer Energien gehen muss. Also solche, die keine Technologien brauchen. Jedes Mal, wenn wir draußen Wäsche zum Trocknen aufhängen, nutzen wir die im Überfluss vorhandene Sonnenenergie.

Davey: Ich kann das zu einem gewissen Grad akzeptieren, aber wir müssen auch die so schlichte wie zentrale Tatsache anerkennen, dass es absolute Grenzen gibt. Das gilt selbst für die verfügbare Menge an Sonnenenergie, egal wie ausgeklügelt die Infrastrukturen sind, mit denen wir Sonnenenergie nutzen, und egal wie gut es uns gelingt, sie in Biomasse zu speichern: Wenn wir wollen, dass die Commons »Fülle« produzieren, müssen wir uns bewusst sein, dass die Sonnenenergie, die am Mittag eines wolkenlosen Tages auf die Erde trifft, 1000 W pro m2 beträgt – und das sind 1000 W pro m2 tatsächlich beschienener Fläche. Um diese Energie in England, wo ich lebe, einzufangen, müssen wir die Neigung zwischen der Sonne und dem Erdboden in Rechnung stellen, was die Intensität der mittäglichen Sonneneinstrahlung auf etwa 60 Prozent des Wertes am Äquator reduziert. Und natürlich ist nicht immer Mittag.
Global beträgt die gesamte Sonneneinstrahlung 122 Petawatt. Das ist 10.000mal mehr als der gesamte Primärenergie-Verbrauch der Menschheit. Doch es ist teuer und energieintensiv, sie für Produktionsprozesse nutzbar zu machen. Heute beruhen viele Ideen zur Speicherung von Sonnenenergie auf dem Grundgedanken, dass diese durch Biomasse und Photosynthese geschehen kann. Permakultur hat natürlich viel zu bieten, aber auch sie ist keine Lösung für das Problem, dass in England durchschnittlich nur 100 W auf einen m2 flaches Land treffen. Und auch der größte menschliche Einfallsreichtum ändert nichts an der Tatsache, dass die besten Pflanzen in Europa nur 2 Prozent der Sonnenenergie in Kohlenhydrate umwandeln können. Zudem eignen sich die Menschen bereits 30-40 Prozent der Nettoprimärenergieproduktion durch Biomasse in Form von Nahrungs- und Futtermitteln, von Naturfasern und Holz oder Pflanzenresten als Treibstoff an. In Europa nutzen wir Menschen schon 70 Prozent aller Pflanzen. Ähnliches kann auch über andere erneuerbare Energien gesagt werden.
Wir haben kaum Spielraum, wenn wir überhaupt noch welchen haben. Erneuerbare Energien werden niemals in der Lage sein, für Fülle zu sorgen, wenn wir damit auch die Fülle an materieller Produktion meinen.

Höschele: Sagen wir es so: Materielle Ressourcen sind im Überfluss vorhanden, wenn sie durch ihre Nutzung nicht übernutzt oder zerstört werden – zum Beispiel, wenn wir Luft zum Atmen nutzen oder wenn wir Ressourcen, die ausreichend vorhanden sind, zur Befriedigung unserer Bedürfnisse nutzen, wie Fischbestände, die nachhaltig befischt werden.

Helfrich: Aber dann sprechen wir in Wirklichkeit von »bedingter Fülle«. Dieses Konzept könnte uns helfen, über die traditionelle Öko-Argumentation hinauszugehen, die, wie Franz Nahrada betont, normalerweise »nur quantitative Aspekte von Produktions- und Reproduktionsprozessen summiert, ohne die Wechselwirkungen zwischen ihnen zu betrachten«.1 Michael Braungart, der Vater des Cradleto-Cradle-Prinzips2, verwendet ein einfaches Bild, um das zu illustrieren: Wenn wir die materielle Produktion falsch konzipieren und so Abfall produzieren (in einer unheiligen Allianz mit einem Wirtschaftssystem, das auf Konsum aufbaut, in der wir konsumieren müssen, damit die Wirtschaft »rundläuft«), dann wird jeder zusätzliche Schritt in dieser fehlgeplanten Produktion zu mehr Knappheit führen. Das ist eine Knappheit, die wir durch die Art und Weise, wie wir produzieren und konsumieren, erst schaffen. Die Alternative sei, so Braungart, Produkte als Bestandteile einer ganzen Kaskade von Wiederverwendungs- und Up-Cycling-Prozessen zu denken. Und hier kommt wieder die Wissensallmende ins Spiel. Wenn die Commons uns mit Nahrung, Energie und Gütern versorgen sollen, muss jede Aktivität so gedacht, geplant und »designed« werden, dass sie die Ausgangssituation für weitere Aktivitäten verbessert und dadurch Fülle schafft.

Verzola: Genau. Das Problem ist, dass die meisten Ökonomen heute annehmen, die Nachfrage sei unendlich, weil die Bedürfnisse unendlich seien. Unter dieser Annahme ist Fülle tatsächlich unmöglich. Aber wenn Menschen genug haben, dann ist die Nachfrage begrenzt, und Fülle wird möglich. Erinnern wir uns an Mahatma Gandhis Worte: »Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.«

Helfrich: Ich stimme Dir grundsätzlich zu, möchte aber noch beim Thema des Produktionsdesigns bleiben. Während unserer Gespräche nach der Berliner Commons-Konferenz hat Franz Nahrada darauf aufmerksam gemacht, dass der entscheidende Faktor für die Umgestaltung unserer Produktionsweise die Wechselwirkung zwischen der zunehmenden Verfügbarkeit von Information, Code und Wissen und der stofflichen Welt ist. Worauf es also ankommt, ist unsere Fähigkeit, sich selbst reproduzierende und selbstverstärkende Produktionskreisläufe zu konzipieren. Sie müssen so gestaltet sein, dass man systemisch Vorteile daraus ziehen kann, dass irgendwo etwas in den Prozess gegeben wird. Wenn etwa die Abwärme eines großen Servers genutzt wird, um Wohngebiete zu heizen, dann ist das ein systemischer Nutzen, der sich ausschließlich aus dem Design ergibt.

Höschele: Okay, aber da ist noch ein anderes Problem, auf das Du bereits hingewiesen hast. Es entsteht aus dem Konzept der herrschenden Wirtschaftsweise und ist sicher das größte Hindernis für die Erzeugung solcher »Kaskaden der Fülle durch sich selbst erhaltende und reproduzierende Kreisläufe«. Es ist ja seltsam, dass Mainstream-Ökonomen und Marktakteure oft die wirklichen materiellen Grenzen leugnen – sie agieren de facto, als wären Ressourcen wie Erdöl unbegrenzt vorhanden –, während sie uns gleichzeitig sagen, dass überall Knappheit herrscht, weil unsere Wünsche unbegrenzt sind und immer größer sein werden als die vorhandenen Ressourcen. Sie werden zum Beispiel sagen, es gäbe keine Grundlage für die Behauptung, dass Peak Oil bald erreicht sein wird. Aber wenn jemand vorschlägt, dass wir in Alaska, oder Ecuador oder sonst irgendwo nicht nach Öl bohren, dann wird genau dieses Öl als lebensnotwendig für unsere wirtschaftliche Entwicklung angesehen.3 Umgekehrt gelten jegliche Versuche, weniger Öl zu verbrauchen, etwa indem wir weniger fahren, als »schlecht für die Wirtschaft«, weil sie Arbeitsplätze gefährden. Es wird also von uns erwartet, dass wir mehr konsumieren, selbst wenn wir persönlich gar kein Interesse daran haben, mehr zu konsumieren. Schlicht, um die Beschäftigung anzukurbeln. Es heißt, Menschen seien nicht altruistisch – aber dann verlangt man von ihnen, dass sie aus altruistischen Gründen mehr konsumieren sollen!

Helfrich:
Konsum aus altruistischen Gründen – genauer bitte!

Höschele: Unser Wirtschaftssystem ist gegenwärtig so gestaltet, dass reichlich vorhandene Ressourcen keinen Wert darstellen, weil man sie nicht mit hohem Gewinn verkaufen kann. Man kann nicht Atemluft verpacken, um sie jemandem zu verkaufen. Und wo es Fische im Überfluss gibt, kann man sie zwar verkaufen, aber höchstens zu einem bescheidenen Preis. In anderen Worten: Nur Tauschwert wird wahrgenommen, der Gebrauchswert nicht. Aber bei den Commons kommt es gerade auf den Gebrauchswert an. Heute ist es vorteilhaft für Unternehmer, im Überfluss vorhandene Ressourcen zu verknappen, damit sie zu einem höheren Preis verkauft werden können. Wenn etwa die Nachfrage über das verfügbare Angebot hinaus angehoben wird, werden die Güter knapp. Denken wir nur an den Rummel um den iPod oder an Trinkwasser in Flaschen, das zu einem 10.000mal höheren Preis als Leitungswasser verkauft wird, weil behauptet wird, es sei reiner.
In meinem Buch4 argumentiere ich, dass es nicht die Einzelnen sind, die ausreichend vorhandene Ressourcen bewusst verknappen, sondern dass Verknappung in das Design der Institutionen eingeschrieben ist, etwa in die ungerechte Eigentumsordnung, die Geschlechterverhältnisse, ethnische Hierarchien, in eine Stadtplanung, die sich nur an Autos orientiert, oder in ein Geldsystem, das von den Zentralbanken dominiert wird. Knappheit entsteht, indem entweder Angebot oder Nachfrage so manipuliert werden, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt. In diesem Sinne existiert sie selbst dann, wenn viel produziert wird und wenn reichlich Ressourcen verfügbar sind.

Helfrich: Kurz gesagt: Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem kann mit Überfluss bzw. Fülle nicht umgehen!

Höschele: Man kann es so sagen: Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem maximiert ineffizienten Konsum, indem es die Nachfrage schafft, die wir brauchen, um immer mehr Ressourcenverbrauch, also Abfall, zu legitimieren. Das ist das eigentliche Problem. Erinnern wir uns: Unsere Wirtschaft hängt davon ab, dass das Bruttoinlandsprodukt ständig wächst. Und in solch einem Kontext trägt immer mehr Effizienz in der Produktion nicht – oder nicht genug – dazu bei, eine Antwort auf das Problem der absoluten Begrenztheit der Ressourcen zu finden. Würde sie es tun, wäre das das Ende dieses Wirtschaftssystems. Wenn wir aber weiterhin vom Öl abhängig bleiben, während das Angebot sinkt, werden die Preise explodieren. Das ist der Grund, warum Ölkonzerne dazu tendieren, die Gefahr sich verringernder Ölvorräte herunterzuspielen.

Helfrich: Bedeutet das, dass wir vom Potential des Ressourcenreichtums nur dann wirklich profitieren können, wenn wir einerseits von begrenzten Ressourcen, wie fossilen Brennstoffen, unabhängiger werden und andererseits von den Beschränkungen unseres Wirtschaftssystems, das Marktakteure dazu zwingt, Ressourcen zu verknappen, um sie in Waren zu verwandeln?

Höschele: Ich denke schon. Und Unabhängigkeit bedeutet Freiheit. Wir werden also am Ende alle freier sein. Wenn wir unsere Städte so umgestalten, dass sich alle frei bewegen können, die Alten, die Jungen, die Armen, die Reichen, diejenigen, die Autos haben, und diejenigen, die keine haben, dann verschwindet ein Großteil unserer Abhängigkeit vom Öl, und gleichzeitig können wir freier wählen, wie wir uns bewegen wollen. Wenn die Ölpreise sinken, weil wir das Öl nicht mehr brauchen, dann haben wir Überfluss erreicht und die Ölkonzerne in die Knie gezwungen! Auch unsere Lebensmittelproduktion ist auf Knappheit aufgebaut. Es ergibt nur dann Sinn, Nahrungsmittel anzubauen, wenn man sie mit ausreichendem Gewinn verkaufen kann. Eine subsistenzorientierte Produktion in Gemeinschaftsgärten und Ähnlichem sollte wiederbelebt werden, denn sie macht gute, gesunde Lebensmittel zu geringen Kosten zugänglich. Das schafft die kommerzielle Landwirtschaft oft nicht. Eine Ökonomie der Fülle konzentriert sich auf solche Strategien der Bedürfnisbefriedigung. Sie setzt nicht voraus, dass Überfluss existiert, sondern analysiert, wie Knappheit hergestellt wird, und sie sucht nach Wegen, etwas dagegen zu tun. Genauso wie Knappheit sozial hergestellt ist (so real, wie ein Haus gebaut wird), muss auch Fülle geschaffen werden. Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist das eine gewaltige Aufgabe, der wir uns dennoch stellen müssen. Kurz, ich behaupte, dass reale materielle Grenzen existieren, dass wir aber dennoch in Fülle leben können – definiert als ein Zustand, der es allen Menschen jetzt und in Zukunft ermöglicht, sich zu entfalten.

Davey: Ich bin froh, dass Wolfgang hier definiert hat, was er unter Fülle versteht. Was uns nun noch fehlt, ist eine Definition, auf die wir uns einigen können. Ich würde Wolfgangs Definition nicht verwenden. Mein Oxford-Wörterbuch definiert »Überfluss« wie folgt: »mehr als genug, Fülle, … Wohlstand, Reichtum«. Und so verstehe ich es auch.
Ich teile unbedingt die Ansicht, dass wir danach streben sollten, das Wirtschaftssystem so zu gestalten, dass es Wohlergehen fördert – verstanden als »ein Zustand, der es allen Menschen jetzt und in Zukunft ermöglicht, sich zu entfalten«. Und ich denke, dass zu diesem Wohlergehen zwingend gehört, dass sich Menschen keine Sorgen um ihre materiellen Grundbedürfnisse machen müssen, weil sie genug haben, um diese Bedürfnisse zu befriedigen, und sich somit ihren kreativen Interessen und der Pflege ihrer Sozialbeziehungen zuwenden können. Das ist natürlich wichtig. Ich teile auch die Ansicht, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem bewusst versucht, Unzufriedenheit mit dem zu schüren, was Menschen haben. Einfach weil es darum geht, mehr zu verkaufen. Das schafft ein Gefühl von Knappheit und Mangel, selbst wenn viele Menschen tatsächlich mehr als genug haben – was in den Konsumgesellschaften der »entwickelten Länder« zweifellos der Fall ist. Und es ist auch so, dass diese erzeugte Unzufriedenheit ein Motivationssystem unterstützt, das in keinerlei Beziehung zum psychischen Wohlbefinden steht. Es basiert vielmehr auf extrinsischer Motivation. Menschen machen Dinge des Geldes oder des Status wegen und nicht, weil es einen Wert an sich hat, etwas Bestimmtes zu tun. Es wird damit ein engstirniger Individualismus befördert, der es erschwert, dass Menschen als vollwertige Mitglieder von Gemeinschaften handeln oder ihren Platz in der Natur wahrnehmen. »Commoning« wäre demnach enorm hilfreich, um all diese Dinge zu verändern und den Menschen dabei zu helfen, ein erfüllteres Leben zu leben. Und deshalb macht es, meiner Meinung nach, nicht so viel aus, ob materieller Überfluss für alle möglich ist, weil das nicht der entscheidende Punkt für ein zufriedenes Leben ist.

Verzola: Ich würde gerne noch einen Aspekt einbringen: Menschen sollten sich der verschiedenen Quellen der Fülle noch aus einem anderen Grund bewusst werden. Die gleichen Institutionen, die Knappheit künstlich herstellen, versuchen auch, die Quellen der Fülle zu monopolisieren, und zwar aus genau dem gleichen Grund: Profit. Die Quellen des Überflusses sind aber häufig Teil der Commons (Wissen, natürliche Ressourcen, Infrastrukturen usw.). Menschen haben ein Recht, sie zu nutzen, über ihre Nutzung mit zu entscheiden und an ihnen teilzuhaben.

Helfrich: Brian, Du hast einmal gesagt: »Eine Bewegung, die von der Idee der Fülle ausgeht, zieht vermutlich mehr bewaffnete Konflikte nach sich, als eine Bewegung, die sich auf Suffizienz beruft.« Bleibst du bei dieser Aussage?

Davey: Tja, Wörter und Botschaften sind manchmal schwer zu greifen. Ich glaube noch immer, dass Begriffe wie Überfluss oder Fülle in die Irre führen können, und Menschen, die sich in die Irre geführt fühlen, können zornig reagieren. Einmal in Umlauf gebracht, kann die Idee von anderen ganz anders verwendet werden als von uns. Ich glaube daher, dass eine klare Botschaft hilfreicher wäre, die die Notwendigkeit einer kollektiven psychischen Anpassung an die Grenzen unserer Welt beschreibt. Eine Botschaft, die klarmacht, dass es um Lebenszufriedenheit geht und darum, fair zu teilen. Das unterscheidet sich vom Handeln und der Zielsetzung in einer Konsumgesellschaft erheblich. Darin sind wir uns sicher alle einig.

Verzola: Brian, »Fülle« oder »Überfluss« – das sind doch nicht nur Schlagwörter. Es sind reale Phänomene, im Internet ebenso wie in der Natur. Wir können sie sichtbar machen. Selbst aus rein ökonomischer Perspektive ist es unmöglich, den Überfluss zu übersehen, der sich in den Ökosystemen immer wieder durchsetzt. Knappheit ist in einigen Fällen natürlich ebenso real. Aber es erscheint mir wichtiger, die künstlichen Knappheiten wahrzunehmen, wie Wolfgang das betont. Wir müssen zudem dem Pseudo-Überfluss misstrauen. Auch das ist klar. Und trotz allem, wenn wir reale Fülle schaffen wollen, um einen materiellen Mindestwohlstand für alle zu erreichen, dann brauchen wir gut durchdachte Konzepte der Fülle, so dass wir durch bewusstes Design Kaskaden der Fülle zum Nutzen aller schaffen können.

Davey: Roberto, wenn Du die Auffassung vertrittst, wir sollten die ertragreiche Seite der Realität betonen, während die andere Seite im Schatten bleibt, dann kann ich das absolut nicht akzeptieren. Wir müssen uns mit allen Aspekten der Realität auseinandersetzen, egal wie schmerzhaft das ist. Manchmal sind die Dinge tatsächlich so schlimm, wie sie scheinen. Und es ist besser, sie zu sehen, wie sie sind, als in Euphorie zu verfallen.
Die Psychologin Elisabeth Kübler-Ross hat ein Stufenmodell entwickelt, das die Menschen typischerweise durchlaufen, wenn sie erfahren, dass sie sterben oder einen großen Verlust erleiden werden. Diese sind Verleugnung, Verhandlung, Depression und letztlich Akzeptanz. Ich fürchte, dass in der Debatte um Fülle auch ein gutes Stück Verdrängung und Wunschdenken enthalten ist. Ja, Natur bietet Überfluss – aber der Tod und das Artensterben sind genauso real.
Für mich ist das Hauptproblem an diesem Fülle-Gedanken, dass er auf emotionaler Ebene verzögern könnte, dass wir uns mit dem gravierenden Einfluss der Menschheit auf die Fruchtbarkeit der Natur und die Erschöpfung der Energievorräte wirklich auseinandersetzen müssen – ohne diese Auseinandersetzung können sich weder die im Saatgut noch die in der Software enthaltenen Informationen voll entfalten. Um aber die Bedrohungen durch Klimawandel und Peak Oil wirklich zu verinnerlichen, brauchen wir auch emotionale Betroffenheit. Viele Menschen leiden darunter, dass es die Zukunft, die sie sich für sich und ihre Kinder vorgestellt haben, so nicht mehr geben wird. Ich denke, dass mit oder nach dieser Phase der Verzweiflung die Akzeptanz kommt und so eine Selbstverpflichtung zu konstruktivem Handeln möglich wird – und damit eine Hoffnung, die von Realismus getragen ist.

Höschele: Wir stimmen letztlich in sehr vielen Aspekten überein. Aber ich würde gerne noch ein Argument für die Verwendung des Wortes »Fülle« einbringen. Es ist die weit verbreitete Ansicht, dass Umweltaktivisten Neinsager sind. Leute, die verlangen, dass wir der guten Dinge des Lebens entsagen und fromme Einsiedler werden, zugunsten des übergeordneten Wohls der Erde und der Myriaden Arten, die auf ihr existieren. Ich weiß, dass das eine Karikatur ist, ich habe überzeichnet, aber ich glaube, dass dieses Bild wirklich dem Anliegen schadet, auf unserem Planeten nachhaltige Lebensweisen zu entwickeln. Wenn man dieses Bild neben das Trommelfeuer der Konsumaufforderungen stellt, dann werden sich vermutlich nur wenige Menschen für einen neuen Lebensstil mit geringerem Ressourcenverbrauch begeistern.
Es geht mir vor allem um die Erkenntnis, dass in Wirklichkeit schon der herrschende Zustand ein Zustand des Mangels ist. Unsere Wünsche und Bedürfnisse nach Waren werden immer größer gehalten als das Angebot, und daraus entsteht ein Gefühl von Mangel, aber die Menschen, die den Mangel verspüren, können normalerweise den Unterschied zwischen dem Gefühl und der objektiven Realität nicht erkennen. Wenn wir stattdessen einem anderen Pfad folgen, können wir den Reichtum wahrnehmen, der darin besteht, dass wir potentiell zu sehr viel mehr Dingen Zugang haben, als wir brauchen. Das schafft ein Gefühl der Sicherheit sowie Spielräume für Kreativität, Großzügigkeit und menschliche Beziehungen, die von Sorge füreinander und gegenseitiger Unterstützung geprägt sind. Nach meiner Erfahrung löst solch eine Perspektive keine Furcht aus (ein Gefühl, das nach meinem Empfinden eng mit der Erfahrung von Knappheit verbunden ist). Von Überfluss oder Fülle zu reden, fördert eher Begeisterung und eben jene Kreativität, die wir brauchen, um zu einem Wirtschaften zu gelangen, das auf positiven menschlichen Beziehungen beruht.

Verzola: Wir sollten den Wert positiver Botschaften nicht unterschätzen. Die Realität mag zu 90 Prozent schlecht sein und nur zu 10 Prozent gut, aber 90 Prozent der Zeit über dem Schlechten zu brüten, führt zu Zynismus, Verzweiflung und Ohnmacht.

Davey: Aber wir können es auch so sehen: Wenn die Realität zu 90 Prozent schlecht ist, dann ist es eben so – 90 Prozent sind schlecht und 10 Prozent gut. Der Psychiater R.D. Laing hat einmal gesagt: »Der einzige Schmerz, den wir im Leben vermeiden können, ist der Schmerz, der daraus entsteht, dass wir versuchen, Schmerz zu vermeiden.«
Die Literatur über die Werte- und Motivationspsychologie sagt, dass die Konzentration auf die dunkle Seite von etwas mitunter besser geeignet ist als die Betonung der hellen, tiefgreifende Einstellungsänderungen bei Menschen hervorzurufen. Clive Hamilton und Tim Kasser sagten einmal bei einer Konferenz in der Universität von Oxford, dass eine intensive Beschäftigung mit dem Tod (der üblicherweise als »böse« angesehen wird) geeignet sein kann, um einen grundlegenden Wertewandel hervorzurufen. Sie empfehlen, dass Umweltkampagnen es vermeiden sollten, an individuelle Wunschlisten zu appellieren, so wie: »Zehn Wege, Geld zu sparen, indem sie ihre CO2-Emissionen senken.« Ich denke, dass es durchaus möglich ist, Botschaften mit Ideen von Kooperation und nichtmateriellem Nutzen zu verbinden. Stattdessen verlegen sich heute fast alle Regierungen und Umweltorganisationen darauf, »die Pferde nicht scheu zu machen«, weil sie fürchten, es würde die Menschen lähmen, ihnen die volle Tragweite der wissenschaftlichen Vorhersagen klarzumachen.

Höschele: Aber es macht dennoch einen Unterschied, ob wir Bilder des Todes und des Sterbens verwenden oder Bilder der Heilung. Während Akzeptanz, die zu Resignation führt, im Falle von Tod und Sterben angebracht sein mag, geht es bei der Heilung zwar auch darum, den Schmerz zu fühlen und zu erkennen, aber das führt nicht zur Resignation – sondern dazu, die eigenen Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Daraus entsteht die überschießende Kraft, die zur Heilung führen kann, auch wenn Ärzte (die rationalen) dies oft nicht mehr für möglich halten. Es geht also nicht nur um Wunschdenken (wäre es so, würde ich das nicht unterstützen). Es geht um etwas sehr viel Kraftvolleres.

Davey: Der Therapeut Oliver James behauptet in seinem Buch Affluenza, dass es einen Unterschied gibt zwischen positivem Denken und positivem Willen. Er hält positives Denken für eine Form der Verleugnung, die nicht hilfreich ist. Aber möglicherweise können wir uns auf Folgendes einigen: Man muss verstehen und anerkennen, dass man ein schwerwiegendes Gesundheitsproblem hat, das zum Tod führen kann, damit man das Gesundheitsproblem ernst genug nimmt, um sich an die Aufgaben zu machen, die zur Heilung notwendig sind. Dann können wir daran arbeiten, dass es uns besser geht, und trotzdem auf dem Boden der Realität bleiben.

Helfrich: Marianne Grönemeyer hat einmal geschrieben: »Überfluss hat einen unangenehmen Beiklang bekommen. Nicht das Überfließende, sondern das Überflüssige ist die Bedeutung, die sich in den Vordergrund gedrängt hat.« Vielleicht kann unsere Diskussion dazu beitragen, diese Tendenz wieder umzukehren und jene Dinge in den Vordergrund zu rücken, die wir wirklich in Fülle und Überfluss haben oder brauchen: Wissen, Information, gelingende Sozialbeziehungen, Zusammenarbeit, das ganze Potential der Selbstorganisation. All das ist ja in den Commons unentbehrlich.

  1. Siehe unter: http://p2pfoundation.net/Abundance_of_Food_vs_the_Abundance_of_Recipes (Zugriff am 06.02.2012).
  2. Cradle to Cradle design oder »C2C«, (von der Wiege zur Wiege) ist ein Designkonzept, welches versucht, über biologische und technische Kreisläufe jedes »Abfallprodukt«
    eines Produktionsprozesses wieder als Input für Nützliches zu verwenden. C2C beruht auf den Prinzipien »Abfall ist Nahrung«, »Nutzung erneuerbarer Energien« und »Förderung von
    Diversität«.
  3. Ein vielsagendes Beispiel dafür ist das Schicksal der Yasuni-ITT-Initiative Ecuadors, die von Alberto Acosta in diesem Buch vorgestellt wird (Anm. der Hg.).
  4. Höschele, Wolfgang (2010): The Economics of Abundance, A Political Economy of Freedom, Equity, and Sustainability, Aldershot, UK.
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