Beate Küppers – Artabana — Gesundheitsversorgung in die eigenen Hände nehmen

Beate Küppers
Artaban heißt der Held in der Erzählung Der vierte Weise von Henry van Dyke. Wie die Heiligen Drei Könige macht er sich auf die Reise nach Bethlehem, kommt aber nie dort an, weil er auf seinem Weg immer wieder Menschen trifft, die in Not sind.

Artaban ist der Namensgeber von Artabana, einem Netzwerk aus Solidargemeinschaften, in denen Menschen sich gegenseitig unterstützen, gesund zu bleiben. Der Impuls, eine eigenverantwortliche Alternative zu den herkömmlichen Versicherungen zu entwickeln, kam aus der Schweiz, wo vor über 20 Jahren die ersten Artabana-Gemeinschaften entstanden. Seit 2001 ist die Bewegung vor allem in Deutschland immer weiter gewachsen. Sie umfasst mittlerweile an die 2000 Mitglieder.

Artabana funktioniert grundsätzlich anders als eine Versicherung. Etwa 150 lokale Gemeinschaften entstanden auf der Basis von Eigenverantwortung und Solidarität ohne Leistungskataloge oder Rechtsansprüche. Im Leitbild des Netzwerks ist die Anerkennung des Individuums und seiner Einzigartigkeit verankert, das heißt dass jeder Mensch auch seinen individuellen Weg zur Gesundheit suchen und gehen können soll. Schulmedizinische oder alternative Heilmethoden können gleichermaßen frei gewählt werden. Der Fokus bei Artabana richtet sich in erster Linie nicht auf das »Bekämpfen« von Krankheiten, sondern vor allem auf Gesundheit und Vertrauen. Während der meist monatlich stattfindenden Treffen tauschen sich die Mitglieder darüber aus, wie Lebensumstände geschaffen werden können, die gesundheitsfördernd wirken. Sie nehmen einander Anteil und stehen sich in vielfältiger Weise zur Seite.

Die finanziellen Beiträge dienen in erster Linie dazu, dass Menschen, die in Not geraten, geholfen werden kann. Am Jahresanfang gibt jedes Mitglied ein Beitragsversprechen, das sich aus den voraussichtlichen Kosten für die eigene Gesundheitsfürsorge und einem Anteil für den gemeinsamen Solidarfonds zusammensetzt. Die grundsätzliche Motivation sollte nicht danach fragen: »Was kann ich bekommen?«, sondern: »Was bin ich bereit zu geben?« Wenn alle bereit sind, etwas beizutragen, dann wächst das Vertrauen bei den Einzelnen, dass auch sie Hilfe bekommen, wenn sie selber in Not sind. Diese Art des Rückhalts hat eine völlig andere Qualität als die Absicherung in einer Krankenkasse. Gleichzeitig braucht es einen achtsamen Umgang mit den sehr unterschiedlichen Ängsten und Sicher heitsbedürfnissen. Und nicht allen fällt es leicht, die Gemeinschaft um Hilfe zu bitten.

Um auch bei größeren Notfällen helfen zu können, schließen sich die lokalen Gemeinschaften zu regionalen Bündnissen zusammen. Außerdem gibt es einen bundesweiten Solidarfonds, aus dem sofort Darlehen zur Verfügung gestellt werden können. Der eigentliche Vorgang des Schenkens findet aber in der Regel dort statt, wo die Menschen sich persönlich kennen – innerhalb der eigenen Gemeinschaft oder in der Region. Die Artabana hat schon viele, auch große Notfälle bewältigt. Dabei ergeben sich oft kreative, individuelle Lösungen. So konnte eine Reha nach einem Schlaganfall schon einmal komplett durch die Therapeuten aus der eigenen Gemeinschaft geleistet werden.

Das Prinzip der Selbstverwaltung greift bundesweit ebenso wie auf regionaler und lokaler Ebene. Der Vorstand des Artabana Deutschland e.V. vertritt die Bewegung nach außen und wird durch eine Reihe von aktiven Mitgliedern unterstützt. Vorstandssitzungen und Telefonkonferenzen sind für alle Artabanis offen. Auf den regionalen und deutschlandweiten Treffen, die mehrmals im Jahr stattfinden, wird die Vielfalt der Bewegung besonders spürbar. Bei allen Auseinandersetzungen und Verschiedenheiten, die während solcher Treffen aufeinanderprallen, sind die Begegnungen immer wieder von Herzenswärme und der Bereitschaft geprägt, sich in Achtsamkeit und Wertschätzung füreinander zu üben. In diesem Sinn ist Artabana auch ein großes Übungsfeld für ein neues, soziales Miteinander. Die Konsensentscheidungen bei der jährlichen Mitgliederversammlung des Vereins bedeuten immer ein gutes Stück Arbeit, denn jede kritische Stimme und jeder Vorschlag will Raum haben und gehört werden.

Die Organisations- und Solidaritätsstruktur bei Artabana ist subsidiär, das heißt alles, was auf einer kleineren Ebene geleistet werden kann, wird nicht auf einer größeren Ebene geregelt. Alles, was eine kleinere Ebene nicht leisten kann, wird von einer größeren Ebene unterstützt. Der Verwaltungsaufwand ist auf diese Weise sehr gering und bleibt auf lokaler, regionaler sowie bundesweiter Ebene weitgehend ehrenamtlich organisiert. Die dauerhafte Leistungsfähigkeit, auch in Großschadensfällen, wird jährlich von einem unabhängigen, staatlich vereidigten Versicherungsmathematiker überprüft und bestätigt, wobei die finanziellen Mittel bei Artabana nicht zentral, sondern überwiegend in Eigenverantwortung der einzelnen Gruppen zur Verfügung stehen und von dort abgerufen werden können.

Artabana lebt vom persönlichen Kontakt der Mitglieder untereinander. Neue Mitglieder werden daher erst nach einer Zeit des Kennenlernens in die Gemeinschaften aufgenommen. Im Internet gibt es eine Liste von öffentlichen Ansprechpartnern in ganz Deutschland, die Hinweise für Interessierte geben. Es kann sinnvoll sein, sich mehrere Gemeinschaften anzusehen oder an einem größeren Treffen teilzunehmen, um ein Gespür für die Vielfalt von Artabana zu bekommen. Denn die Artabana-Idee wird in den lokalen Gemeinschaften auf unterschiedliche Weise umgesetzt. Keine Gruppe gleicht der anderen.

Wer nur der gesetzlichen Krankenkasse entfliehen und Geld sparen möchte, ist bei Artabana nicht richtig. Seit der Gesundheitsreform, die seit 2007 für Angestellte und seit 2009 auch für Selbständige eine Versicherungspflicht vorschreibt, ist es zudem schwierig geworden, eine gesetzliche oder private Kasse zu kündigen. Über ein Viertel der Artabanis sind ergänzend zu einer regulären Krankenversicherung Teil der Bewegung.

Artabana Deutschland e. V. bemüht sich um eine rechtliche Akzeptanz als anderweitige Absicherung im Krankheitsfall. In die Umsetzung dieses Anliegens ist in den letzten Jahren viel Energie geflossen, eine endgültige rechtskräftige Regelung gibt es noch nicht. Artabana steht für die Vision eines Gesundheitssystems, das die Menschen nicht zwangsweise versorgt, sondern sie vielmehr dabei unterstützt, Gesundheit auf eine heilsame Weise selbst zu organisieren.

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